Einführung

Der Ausspruch Man sieht nur, was man weiß, gilt auch hier. Dementsprechend wurden bisher unzählige gemalte Portraits aus der Zeit von vor 500 Jahren buchstäblich übersehen, weil man nicht mehr wußte, wen sie darstellen, und die Personen auf den Bildern blieben unerforscht.Wer durch Museen geht, dem wird aufgefallen sein: Neben vielen Portraits hängen Beschriftungen, die à la longue unbefriedigend sind, solche wie Junger Mann oder Portrait of a Man. Man wüßte doch gern, welche Person die Bilder eigentlich abbilden. Mit solch nichtssagenden Auskünften werden die Betrachter aber bisher abgespeist, und das schon länger als ein Jahrhundert. Von den 168 Portraits der Berliner Ausstellung Gesichter der Renaissance, die von Hunderttausenden besucht wurde, fehlten z.B. bei 65 Bildern die Namen. Daraus ergeben sich für die Epoche unter den noch erhaltenen Portraits immerhin rd. 40% nobodies. Aber zu ihrer Zeit waren die Dargestellten sehr geachtete bzw. wichtige Persönlichkeiten. Doch welche?

Selten genug gelang es, wie vor gut einem Jahrhundert Mary F. S. Hervey, eines der namenlosen Bilder aufzuklären. In ihrem Fall lieferte ein altes Dokument den Hinweis, daß die beiden Gesandten in Hans Holbeins berühmtem Gemälde The Ambassadors einmal Menschen von Fleisch und Blut waren ─ ein adliges Brüderpaar aus Frankreich. Ansonsten und sehr vereinzelt halfen Außenseiter als Geburtshelfer bei der Idenitifzierung.

2011 erschien anläßlich der Ausstellung in Berlin ein wichtiger Vorreiter in Sachen investigativer Kunstgeschichte. Darin wurden 25 Namenlose identifiziert:

Buch-cover 240Porträts der Renaissance
─ Hintergründe und Schicksale 192 Seiten.
83 meist farbige Abbildungen.
Geb. € 19.95 ISBN 978-3-496-01432-4
Hier veröffentlichte Christoph Wilhelmi seine, sich über Jahre hinziehenden Recherchen zu Portraits von Cranachs, Holbein, Bartolomeo Veneto und weiteren namhaften Meistern der Hochrenaissance. Es sind durchweg solide recherchierte Analysen, die zur Identifizierung der dargestellten Person führten. Das museumsjournal schrieb: »Der Leser wird dabei Zeuge vieler kleiner Forschungsreisen in die Vergangenheit und erhält Einblick in die akribische Arbeit eines Kunsthistorikers«. Vom Kulturradio des Rbb war zu hören: »Diese Kombination der Disziplinen macht dieses Buch so überaus spannend ─ und geradezu einzigartig. Eine solche Arbeit kann nur ein Universalgelehrter leisten«.

Im Jahr 1957 schrieb Alfred Stange (in: Zeitschrift für Kunstgeschichte, Berlin XX S. 260ff) die prophetisch anmutende  Aussage: »Die erhaltenen Bestände der deutschen Malerei des 16. Jahrhunderts werden uns, wenn man sie systematisch zu erforschen sucht, noch eine Fülle mannigfaltiger Überraschungen schenken«. Diese Prognose wird jetzt bestätigt.

Ein amüsantes Rezeptionsergebnis auf literarischem Gebiet zog diese Buchpublikation nach sich. Eine Gruppe von Schriftstellern um Hans Zischler erfand für 15 solcher namenloser Portraits der Renaissance jeweils eine literarische Gestalt und »brachte sie zum Sprechen«. So kann es in absehbarer Zeit Überschneidungen zwischen den Projekten geben: hier Fakten ─ dort Fiction.

Verlagsprospekt

Aus der Antike stammt das später verkürzte Zitat: habent sua fata libelli. Es bedeutet: Bücher haben ihre Schicksale. Nach Erscheinen verschwinden sie in Magazinen und in Bücherschränken von Liebhabern; auf dem Bildschirm taucht das Buch nur mit einem knappen Werbetext auf. Aus dieser Erfahrung wurde der Schluß gezogen, weitere Identifizierungen sogleich ins Internet zu stellen d.h. alle Interessierten an dem Fund teilnehmen zu lassen, ihnen die Entdeckungen zur Verfügung zu stellen.

So entstand der Gedanke zur Galerie bisher unbekannter Portraits der Renaissance im Netz. Hier kann jeder beqem den mühsamen Weg der Recherchen, der zur Identifikation führte, nachvollziehen.

Überraschende Resultate kamen dabei zum Vorschein. Oftmals erwies sich auf diese Weise das Bild als einziges Portrait einer historischen Persönlichkeit, von der man bisher nur über Schriftstücke wußte. Von einigen Personen erhielt man sogar über das dechiffrierte Bild erst Kenntnis vom tatsächlichen Geburtsjahr der Person.

Während die Druckrechte der im Buch versammelten 25 Identifikationen beim Verlag liegen, werden jetzt die in der Galerie auftauchenden Portrait-Analysen für den user honorarfrei sein; das Copyright bleibt beim Autor. Es ist geplant, alle zwei Monate vier neue Beiträge ins Netz zu stellen, vorausgesetzt, der Fortschritt der Aufarbeitung macht dies möglich. Es handelt sich also um ein work in progress. Das Netz hat den Vorteil, daß aufmerksame Leser direkt darauf reagieren können. Sollte es konstruktive Kritik oder weiterführende Hinweise zu Identifizierungen geben, sind diese erwünscht und könnten ambulant eingearbeitet werden, sofern sie überzeugen. So wird die Galerie bei gutem Verlauf übers Jahr bereits rd. 20 neue Fallstudien vorweisen.

CW-Signet-240Die Galerie ... der Renaissance ziert ein zeitlich adäquates Signet. Es bot sich das Zeichen des ersten englischen Druckers an: William Caxton (1422─1491). Dieselben Initialen hat auch Christoph Wilhelmi, nur in der umgekehrten Reihenfolge. Übrigens druckte Caxton 1476 die Canterbury Tales in seiner Druckerei in Westminster. Technisch begründete er die Tradition der black letters, der holländisch beeinflußten gotischen Schrift. Diese internationale Verflechtung ist charakteristisch für die Zeit des Humanismus, wie auch Caxton's Vielseitigkeit; er war sowohl als Drucker und Buchhändler, als auch als Übersetzer und Herausgeber tätig und gilt zudem durch seine Arbeit am Text als Sprachreformer Englands.
 
© Christoph Wilhelmi Stuttgart 2014



Handbuch-der-Symbole 240ISBN 3-7934-1625-9Christoph Wilhelmi ist durch einschlägige Handbücher bekannt geworden. 1979 erschien das originell konzipierte Handbuch der Symbole in der bildenden Kunst des 20. Jahrhunderts. Anschließend entwickelte er nach jahrelangen Recherchen ein voluminöses Projekt, von dem 1996 der 1. Band erscheinen konnte: Künstlergruppen in Deutschland, Österreich und der Schweiz seit 1900. In einem Abstand von jeweils fünf Jahren folgte Band 2: Künstlergruppen im östlichen und südlichen Europa 2001 und Künstlergruppen in West- und Nordeuropa 2006 ─ insgesamt 1864 Seiten mit nahezu über tausend namhaften Künstlergruppen aus ganz Europa. Für viele Länder ist dies Werk die einzige Übersicht ihrer künstlerischen Gruppenaktivitäten in der Moderne überhaupt ─ und das gilt sogar für Länder wie Großbritannien, Italien u.a. Über die Aktivitäten der Gruppe wird jeweils referiert; anschließend sind die Akteure mit ihren Lebensdaten aufgelistet. Zu jeder Gruppe wird, sofern vorhanden, Literatur angegeben. Peter Dittmar schrieb in der Weltkunst dazu: »Die Geschichte der Kunst ist in wesentlichen Momenten zugleich eine Geschichte der Künstlergruppen. Das Ergebnis erweist sich als bemerkenswert erhellend«.


Künstlergruppen-I 240ISBN 978-3-7762-0400-1Der im November 2013 verstorbene Schriftsteller und Verleger Wolf Jobst Siedler (*1926) äußerte sich seinerzeit in einem Artikel für den Tagesspiegel, Berlin, über das dreibändige Nachschlagewerk Künstlergruppen seit 1900 wie folgt:

In aller Zerspaltenheit war Europa eben doch eine geistige Einheit

Der Privatgelehrte Christoph Wilhelmi arbeitet seit Jahren an einer Gesamtdarstellung der Künstlergruppen seit 1900. Der Ertrag ist ein geradezu monumentales Handbuch geworden. Das Gesamtwerk stellt den Aufbruch der Moderne in Gesamteuropa dar.

Dies ist ein Nachschlagewerk, das nicht zur Lektüre gedacht ist, aber in dem der künstlerische Ertrag auch der Randnationen vom Baltikum bis zum Balkan erfasst ist. Wer wissen will, wie es mit dem Aufbruch des Neuen in Polen, Russland und Slowenien bestellt war, wird hier alle Gruppierungen und Personen verzeichnet sehen. Das ist auch da interessant, wo es scheinbar Abgelegenem gilt, den Gruppierungen in Rußland oder den widerstreitenden Künstlerbünden in Italien.

Künstlergruppen-II 240ISBN 978-3-7762-1101-6Das Werk ist ein unvergleichliches Informationsinstrument für Museumsleute, Kunsthistoriker, Kunstkritiker, Galeristen und natürlich auch für die Künstler selber: Maler Bildhauer oder Architekten. Das sieht auf den ersten Blick nach einer übertrieben akribischen Sammlung von puren Materialien aus, und doch ist das auch in einem höheren Sinne interessant. Der Leser sieht, wie dieser so vielfältig zerspaltene Kontinent eben doch eine geistige Einheit war und ist. Was in Paris gemalt und modelliert wurde, hatte seine Wirkung auch in St.Petersburg, und die Moderne im Habsburger Reich beschränkte sich nicht auf die verschiedenen Nationen im Vielvölkerstaat, sondern wirkte auch auf die mediterrane und iberische Welt. Die revolutionären Künstler in Italien oder Spanien wurden durch das inspiriert, was in Berlin oder Wien stattfand.

Insofern ist dieses dreibändige Kompendium Wilhelmis eine Ehrenrettung Europas. Ein Jahrhundert lang hat Europa sich zwar zerfleischt und fast ruiniert, aber an seinem Ende eine Wiederauferstehung erlebt, die man nicht unbedingt triumphal nennen wird, die sich aber doch als ein bewegendes Element der Neuzeit erweist. Was bei uns zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts geschah, interessiert uns doch am meisten.

Künstlergruppen-III 240ISBN 978-3-7762-1006-4Die
Brücke, der Blaue Reiter, das Bauhaus und die Secession in Wien. Das hat das ganze Jahrhundert geprägt. Es sind diese Künstler gewesen, die sich am Ende als die grossen Gestalten des ganzen Jahrhunderts erwiesen haben, was übrigens auch für Bildhauerei und Architektur gilt… Alle diese Rebellen von 1905 sind dann die grossen Klassiker des ganzen zwanzigsten Jahrhunderts geworden, und wenn die altmodische Vokabel angemessen wäre, könnte man sie die Götter der Moderne nennen.

Christoph Wilhelmi geht ihren Freundschaften und Feindschaften nach, ihren vielfältigen und immer wieder wechselnden Zusammenschlüssen. Das Buch ist nicht als Lesebuch angelegt und will es nicht sein. Aber man liest sich dennoch fest darin, und insofern ist es mehr als ein Nachschlagewerk.
Leicht gekürzte Fassung





An dieser Stelle sage ich Dank an den Fotografen und Layouter Jim Zimmermann (www.fotorosso.de), der hilfreich der Materialfülle und den  Bildern dieser website eine Struktur zu geben verstand.



Bildnachweis
Eröffnungsbild aus: Laura Pagnotta: Bartolomeo Veneto. Firenze 1997 S. 131