Erstveröffentlichung

Lucas Cranach d. Ä.

Joachim von Podewils
                                        

05.09-Cranach dÄ-Podewils 240Dieses kraftvolle Portrait eines bärtigen jungen Mannes (Öltempera auf Pflaumenbaumholz, 30,5 x 23 cm) von Lucas Cranach d. Ä., das 1521 datiert und links in Schulterhöhe mit Cranachs Flügelschlange signiert ist, gehört seit dem 18. Jahrhundert zum Bestand der Staatlichen Museen Schwerin (Nr. G 2484. Friedländer/Rosenberg Nr. 144). Doch die Identifizierung wollte bisher nicht gelingen. In der Annahme, daß es sich bei dem jungen Mann von 22 Jahren, die unter der Flügelschlange angegeben sind, um einen Fürstensohn aus den an Sachsen angrenzenden Ländern handeln könnte, erfüllte sich nicht. Dabei ist die Garderobe des Mannes edel und aufwendig zugleich. Er trägt auf seinem lockigen Pagenkopf ein ausladendes rotes Barett, dessen Aufschlitzungen durch fünf Schleifen aus Golddraht verbunden sind - offenbar sog. Liebesknoten (s. Beitrag Bartolomeo Veneto, Charles de Bourbon).  Demnach war das Bild von ihm wohl zur Brautwerbung in Auftrag gegeben worden; die obligate Nelkenblüte in der rechten Hand (vgl. Beiträge Bruyn,) fehlt jedoch, obwohl die Handhaltung dafür typisch ist. Am Daumen der linken Hand, die unter die rechte geschoben ist, trägt er einen Siegelring, dessen Bild jedoch undeutlich ist.

In seiner Detailfreudigkeit hat Cranach nicht an Ausstattungen gespart. Der Mann trägt außer dem wertvollen Barett einen breiten Pelzumhang, unter dem auf der Brust eine doppelte Kette sichtbar wird - ein Zeichen ritterlicher Abkunft. Unter dem Pelz trägt die Person ein dunkles Gewand, das eine Borte mit zwei Streifen zeigt. Darunter wird vor allem an den Armen das edle, ornamentierte Untergewand sichtbar. An der Stelle, wo sonst üblicherweise ein plissiertes und evtl. gesticktes Hemd zu sehen ist, trägt er einen dreireihig gewölbten Kragen, wie man sie an der Garderobe von Landsknechten sehen kann.

Der Physiognomie des jungen Mannes hat Cranach einen starken Ausdruck verliehen. Sie läßt auf einen nachdenklichen Mann schließen, der trotz der stolzen Gewandung sensibel auftritt. Dadurch kommt dem Gemälde ein hoher Rang zu, wobei die Anonymität der Person sich fast beeinträchtigend auswirkt. Um sie zu überwinden, wurde ein ungewöhnlicher Weg beschritten.

Lucas Cranach d. Ä. hielt sich in den Jahren der Entstehung des Bildes in Wittenberg auf, der noch jungen Universitätsstadt des Kurfürsten von Sachsen. Die qualifizierten Professoren dort zogen zahlreiche Studenten an, besonders aus den norddeutschen Ländern. Um aus der Stagnation heraus zu kommen, wurde daher der Studentenjahrgang 1521 nach Männern von Adel abgesucht. Adlige besuchten vor allem in Franken üblicherweise Ritterschulen. Sich an der Universität immatrikulieren zu lassen, war für sie weniger üblich. Da diesem jungen Mann ein Bildungsbestreben zuzutrauen ist, erschien der Weg erfolgversprechend, die Matrikel heranzuziehen.

Tatsächlich erscheinen einige Adlige in der Matrikel der Universität Wittenberg vom Jahr 1521: Melchior Czobel von Giebelstadt (* 1504), der später bekannte Fürstbischof von Würzburg, sowie Georgius Moscha nobilis von Wessendorf, über dessen Leben leider nichts  in Erfahrung zu bringen war, Georg von Plawenitz und andere. Leider sind die Fachbereiche  der Studierenden nicht angegeben. Wegen seines passenden Geburtsjahrs 1499, das sich aus der Differenz der Bilddatierung und der Altersangabe ergibt, kommt aber für das Portrait Joachim von Podewils (1499-1551) infrage. »Joachim von Podewils († 1551) Erbherr auf Krangen und Demmin, Landvogt in Stolp, Hauptmann in Gartz uRat, setzte die Linie fort. Dessen Sohn Felix von Podewils (* 1525; † 1597), war ebenfalls Erbherr auf Krangen und Demmin, sowie pommerscher Landrat« (wikipedia.org/wiki/Podewils 11.4.2013). Für die Funktion eines fürstlichen Rats wurden damals Akademiker bevorzugt.

Das Adelslexikon bringt einen längeren Beitrag über die Familie Podewils. Ihren Ausgang nahm die Familie von dem gleichnamigen Dorf im Kreis Belgard. »Die Familie derer von Podewils oder Pudewels ist unstreitig jederzeit mit eine von den ältesten und vornehmsten Adelichen Häusern in Vor- und Hinterpommern gewesen« (Zedler). Sie war vermögend d.h. verfügte über zahlreiche Besitzungen. Ihr Stammhaus lag in Demmin und ist in der historischen Ansicht rechts vom Kirchturm zu erkennen.

05.09 Cranach d.Ä.-Podewils Demmin 240Historische Ansicht von DemminEs gibt eine alte, undatierte Stadtansicht des Ortes im heutigen Bundesland Mecklenburg-Vorpommern, der an der Mündung von Trebel und Tollense in die schiffbare Trebel und Tollense in die schiffbare Peene liegt, auf der man deutlich ein die übrige Bebauung überragendes Ritterhaus erkennt. 1283 erhielt der kleine Ort das städtische Bündnisrecht. Auf dieser Basis schloß sich Demmin mit Stralsund, Greifswald und Anklam (heute liegen die Orte im Bundesland Mecklenburg-Vorpommern) für den Landfrieden zusammen und konnte so am herzoglich privilegierten Fernhandel der Hansestädte nach Skandinavien teilnehmen (lt. Landeskundlich-05.09 Cranach dÄ Podewils Kleiderhandtuch 240Wappen der Familie Podewils
historischem Lexikon S. 120). Immerhin residierte der pommersche Herzog zeitweilig (um 1249) in Demmin. Ab 1300 wurde die Stadt nach lübschem Recht verwaltet. Offenbar standen die Podewils im pommerschen Hofdienst. Die sog. Burg wurde aber im Dreissigjährigen Krieg von den Schweden zerstört. Namhafte Abkömmlinge der Podewils hatten im Laufe der Jahrhunderte (1741) den Grafenstand erreicht und traten vor allem im 18. Jahrhundert als friderizianische Offiziere und später als Botschafter auf; Erdmann von Podewils (*1877) wurde 1928 Botschafter in Bogotà/Kolumbien; Clemens von Podewils (*1906) trat als Journalist hervor. Das Wappen der Podewils ist schräg-links geteilt und zeigt im oberen Feld einen trabenden Hirsch; das untere Feld weist ein Schachbrettmuster auf (bzw. ist in 3 Reihen zu 15 Plätzen geschacht).

                                               
© Christoph Wilhelmi, Stuttgart 2014

Literatur
Adelslexikon.Hg. Walter v. Hueck. Bd. X  Limburg 1999
Album Academiae Vitebergensis I. Aalen 1976
Georg Buchwald (Hg.): Wittenberger Ordiniertenbuch. Leipzig 1895
Landeskundlich-historisches LEXIKON Mecklenburg-Vorpommern. Rostock 2007
Reichshandbuch der deutschen Gesellschaft. Bd. 2  Berlin 1931
Hans Strutz: Staatliches Museum Schwerin. Leipzig 1984
Johann Heinrich Zedler: Das Grosse vollständige Universal- Lexicon aller Wissenschaften und Künste. Bd. 28  Leipzig 1732-54

 
Bildnachweis
Staatliches Museum Schwerin. G 2484
Landeskundlich-historisches LEXIKON Mecklenburg-Vorpommern. Rostock 2007  S. 121
de.wikipedia.org/wiki/Datei Podewils-Wappen.prig