Mikuláš Medek: Dva Inkvisitori

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Der Betrachter steht vor einem hermetischen Gemälde; ohne Hintergrundwissen erschließt es sich nur subjektiv ─ jedoch nicht in seiner verborgenen Botschaft. Der Titel dieses großformatigen Bildes von 1967 (Öl auf Lw. 130 x 140 cm) von Mikuláš Medek lautet Dva inkvisitori II (zwei Inquisitoren). Dementsprechend sind zwar keine Vollfiguren zu sehen, wohl aber zwei schlanke Gesichter, die von oben in die schwarzgrundierte Bildfläche ragen. Die Köpfe scheinen auf spitzigen Hälsen aus geronnenem Blut zu stecken. Sie nehmen zwei Drittel der Bildfläche ein und bilden zwei keilförmig nach unten weisende Kräfte. Oben kommt von rechts ein roter, gespaltener Keil, der auf eines der vier ´Augen´ zielt ─ dunkelrote Kugeln, die insektengleich aus den Köpfen als Augen heraus- bzw. hineinragen.

Im Deutschen wird der Begriff ´Inquisition´ begrenzt auf die religiöse Polizei seit 1478, als in Spanien die Inquisition ins Leben gerufen wurde mit der Absicht, nach der Reconquista Andersdenkende im Lande unschädlich zu machen. Medek hat im Gemälde diesen historischen Begriff neuzeitlich aufgefasst; hier wird auf die staatlichen Aufpasser zu seinen Lebzeiten angespielt: die Zensoren.

Als Medek studierte, ging die Zensur von der kommunistischen Partei aus. Bei Ende des Zweiten Weltkriegs wurde Europa in Interessensphären aufgeteilt und die Tschechoslowakei in den sich bildenden ´Ostblock´ eingegliedert. Ab 1948 regierte die KP uneingeschränkt und behauptete, nach sowjetischem Vorbild, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen. Daraus rechtfertigte sie die Kontrolle bzw. die Ausrichtung der Kultur als Mittel des Klassenkampfes.

Dabei wurde die Partei zunächst von der jungen Generation der Kulturschaffenden als ´Befreierin´ wahrgenommen. So bekam sie von den Studierenden Zulauf. Aber sehr bald fühlten die Intellektuellen durch die Gängelung die doktrinäre Tendenz. Es war die Zeit des sozialistischen Realismus. Die platte Abbildung der (angeblichen) Realität dominierte; kritische, metaphorische oder gar ironische Auffassungen waren suspekt. Die Arroganz der Macht ließ nur eine rückwärtsgewandte Bildauffassung gelten; Vorstöße in Neuland waren nicht vorgesehen und galten als verdächtig. Verschlüsselte Bilder wie dieses wurden als subversiv und damit als staatsfeindlich eingestuft.

Durch die politische Teilung Europas in zwei ´Lager´ gelangten offiziell kaum mehr Informationen aus dem Westen in die osteuropäischen Länder. Das galt aber auch in umgekehrter Richtung. So ist es gemeinhin unbekannt, daß die Strömung des Surrealismus nicht nur in Paris im Einflußbereich André Bretons agiert hatte, sondern daß Prag in der Zwischenkriegszeit ein eigenes ´Epizentrum´ ausbildete und das in beiden Sparten: Malerei und Literatur. Als Kopf dieser Bewegung ist Karel Teige (1900─1951) anzusehen. Die Aktivität kam zur Zeit der deutschen Besetzung zum Erliegen, flammte aber nach 1948 erneut auf. »Durch die Machtergreifung der kommunistischen Partei 1948 wurde die Politik des Landes der sowjetischen gleichgeschaltet. Das bedeutete für Karel Teige und seine Freunde: Tätigkeit im Untergrund, denn die Surrealisten galten als Trotzki-Anhänger und damit als gefährliche Abweichler. Heisler, Štyrský und Toyen waren bereits emigriert«.

Insgeheim trafen sich die Anhänger Teiges; Künstler der jüngeren Generation wie Eva und Mikuláš Medek kamen hinzu. „In der Gruppe rekapitulierte man ─ textlich und bildlich ─ die Arbeiten der Mitglieder, oder stellte mir allem Ernst die Frage nach den Problemen des Surrealismus. Dabei spielten die aktuellen kulturellen und gesellschaftlichen Bedingungen eine wichtige Rolle“ (Bohumir Mráz)« (Künstlergruppen im östlichen und südlichen Europa seit 1900 S. 512).

Aber schon 1951 wurde Karel Teige verhaftet und als ´Agent des Imperialismus´ diffamiert. Um der Lagehaft zu entgehen, nahm er sich das Leben. Damit hatte die Künstlergruppe Znamení Zvĕrokruhu (Tierkreiszeichen) ihren ´Kapitän´ verloren, gab aber nicht auf. Der Vorfall schweißte die übrigen noch stärker in der Surrealistická Skupina zusammen. Ihre Aktivitäten waren nur klandestin möglich als Atelierveranstaltungen nach Art der englischen Clubs.

Erst nach 1964 wurden von Seiten der Kulturbehörde die Zügel etwas gelockert, weil innerhalb der Partei eher Gleichgültigkeit gegenüber Kulturschaffenden vorherrschte. Aber nach der kurzzeitigen Liberalisierung durch den ´Prager Frühling´ wurden 1969 die Verhältnisse zurückgedreht. So bezeichnete der Staatsrundfunk eine Broschüre der Gruppe unter dem Titel Krise des Bewußtseins als »trojanisches Pferd des internationalen Imperialismus«.

Dieser Exkurs ist notwendig, um den Hintergrund für das Gemälde aufzuhellen. Medek hat seine Szene nicht im Klartext wie Hieronymus Bosch wiedergegeben, sondern anspielungsreich und verkappt. Der schwarze Untergrund und die Sparsamkeit der Rot-Gelb-Töne der Gesichter lassen die Szene bedrohlich erscheinen angesichts des machtpolitisch ausgeübten Drucks auf Schriftsteller und Künstler.

Die Felder der Gesichter und der Halsansatz sind in dem Verfahren der Decalcomanie angelegt, bei dem der Farbauftrag auf eine Glas- oder Kunststoffplatte erfolgt, welche beim Hochreißen der Platte ein Farbrelief hinterläßt. Auf einen malerischen Gestus verzichtet Medek vollkommen. Er will mit seiner Methode eine Hautfläche simulieren, welche von Schrunden und Verletzungen gekennzeichnet ist.

Die Insektenaugen könnten von Ameisen übernommen sein. Medek war naturwissenschaftlich interessiert. Ameisen organisieren sich in perfekt Staaten und funktionieren darin wie ferngesteuert. Von dieser Art sind offenbar die von Medek attackierten ´Kritiker´: Funktionäre, ohne Empathie, ohne Verstand, Werkzeuge der Machthaber. Die sog. Inquisitoren sind also nicht eigentlich fachkundige Kritiker, sondern in deren Mantel agierende Ideologen, die sich von den Künstlern nicht ernst genommen fühlten und deshalb ─ möglicherweise aus einem Minderwertigkeitskomplex heraus ─ mit Schikanen reagierten.

Die Reglementierung der Künstler und der Umgang mit ihren Werken durch den staatlichen Monopol-Kunsthandel gängelte die Künstler fortwährend. So ist es nur zu verständlich, daß ein Künstler wie Medek gereizt darauf reagierte und die sog. Kritiker ironisierte.

Übrigens wurde das Bildthema ´Kunstkritiker´ in der Malerei schon einmal ironisch behandelt, allerdings vergleichsweise spaßig durch Gabriel von Max um 1889 in dem Gemälde Affen als Kunstrichter (Neue Pinakothek, München). Bei ihm haben sich einige Affen als Juroren versammelt, um gemeinsam die Qualität eines (nicht erkennbaren) Gemäldes zu beurteilen.

Copyright Christoph Wilhelmi Stuttgart 2017

Literatur
Christoph Wilhelmi: Künstlergruppen im östlichen und südlichen Europa ab 1900. Stuttgart 2001