Lucas Cranach d. J.
Sebastian Boetius

09.12-Cranach-dJ-Boetius 240Das unbestimmte Mansportret von Lucas Cranach d. J. (Öl auf Linde 64 x 48 cm. 1548 datiert und mit Flügelschlange signiert) befand sich ursprünglich im Rijksmuseum in Amsterdam und gehört heute zur Sammlung des Mauritshuis in s’Gravenhage (Nr. 890). Es präsentiert einen blonden, leicht lockigen Männerkopf mittlerer Jahre, der eine dunkle Schaube und ein plissiertes Hemd trägt. Seine beiden Hände sind am unteren Bildrand ineinander verschränkt. Das Bild fällt durch seine Sparsamkeit in der Schilderung auf.

Da der Maler dem Dargestellten keinerlei Beigaben erlaubt hat, war es bisher nicht möglich, seiner Identität auf die Spur zu kommen. Immerhin kann man aus der schlichten, schwarzen Schaube schliessen, daß der Dargestellte ein Akademiker ist; aber ob Philologe oder Theologe war, läßt sich nicht sagen. Insofern bleibt nur die Möglichkeit einer Annäherung über das Alter. Die zwanziger Jahre scheint dieser gesetzte Mann mit Vollbart bereits hinter sich gelassen zu haben, aber die fünfziger hat er wohl noch nicht erreicht.

Mit diesen geringen Angaben scheint die Suche eigentlich aussichtslos. Doch mit einiger Wahrscheinlichkeit hat man es zu tun mit einem Akademiker aus Mitteldeutschland d.h. aus dem Umfeld der dort beheimateten Cranach-Werkstatt, nämlich Sachsen/Thüringen. Die Sparsamkeit des Bildes entspricht einem Vertreter der Reformation, zumal die konzentrierte Haltung und der ernste Blick einen lutherisch orientierten Theologen annehmen läßt.

Wenn man nun rd. 25 Akademiker der Jahrgänge 1514 bis 1520 Revue passieren läßt, rücken zwei Personen in die engere Wahl: Joachim von Beust (1522─1597), Jura-Professor in Wittenberg und kursächsischer Rat, der 1577 eine Rede über Cranachs Drucke gehalten hat; und Sebastian Böte resp. latinisiert Boetius, ein reformatorisch gesinnter Theologe aus Guben in der Niederlausitz, der in Wittenberg studierte. Unter dem Einfluß Philipp Melanchthons war er zunächst als Lehrer tätig, denn Melanchthon beschränkte die Reformation nicht auf den kirchlichen Sektor, sondern zielte auf eine breit angelegte Bildungsreform. Mit jungen Jahren (21) traute man ihm sogar das Rektorat des Gymnasiums in Eisenach zu. 1544 übernahm Boetius eine Pfarrstelle und wurde bald darauf Superintendent in Mühlhausen/Thüringen.

Beim ´Wettbewerb´ dieser beiden Lebensläufe spricht für Boetius, daß er 1548 sein Portrait in Auftrag gab, nachdem er im Vorjahr an der Kirche Unserer Lieben Frau in Halle ordiniert worden war. Es könnte durchaus sein, daß die Gemeinde ein Bild von ihm für ihre Pfarrer-Galerie haben wollte. 1554 stieg Boetius zum Superintendenten des Kirchenbezirks Halle auf. Dagegen fällt Joachim von Beust in der Wertigkeit etwas ab, da er einen geteilten Bart trug und für das Jahr 1547/48 keinen heute noch erkennbaren Anlaß für das Portrait gehabt zu haben scheint. Er wurde erst 1565 zum anhaltinischen Rat berufen und 1580 zum Konsistorialassessor in Dresden.

09.12-Cran-dJ-Boetius-NEBUnbekannter Künstler: Sebastian Boetius
Holzschnitt
Boetius muß sich in Halle wohl gefühlt haben, denn er stiftete der Marienbibliothek in Halle seine namhafte Büchersammlung. Daß er eine breite Bildung besaß, läßt sich allein schon aus seiner selbst vollzogenen Umbenennung in Boetius schliessen, denn damit bezog er sich explizit auf den antiken Philosophen Boethius (ca. 480 Rom ─ 524 Pavia), der Ratgeber bei dem Ostgotenkönig Theoderich war, jedoch bei Hofe in Ungnade fiel und alspolitischer Verräter betrachtet wurde. 
Immerhin gibt es eine Vergleichsabbildung, wenn auch von einem etwas schematisierenden unbekannten Holzschneider ausgeführt. Es ist ein wenig origineller Holzschnitt, wohl um 1565 und daher in den Gesichtszügen nicht mehr unbedingt vergleichbar. Der Bart hat in den rd.20 Jahren noch zugenommen. Deutlich wiederzuerkennen ist jedoch die Haartracht d.h. das leicht gelockte Kopfhaar sowie die nicht ganz korrekte Augenstellung, die Cranach höflicherweise nur andeutet.

Literatur
Royal Picture Gallery. Mauritshuis. Zwolle 2004
Johann Heinrich Zedler: Das Grosse vollständige Universal-Lexicon aller Wissenschaften und Künste. Leipzig 1732─54

Bildnachweis
Schilderijen en beeldhouwwerken 15e en 16e eeuw. s’Gravenhage 1968 S. 21
Die Porträtsammlung der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel. München etc. 1987 A 1804

Anmerkung
Im CranachDigitalArchive hat das Portrait die Kennung
NL_Mh_890. Der Inhalt wurde noch nicht aktualisiert.