Erstveröffentlichung

Lucas Cranach d.J.

Philipp IV. von Waldeck-Wildungen

09.10-Cranach-dJ-Waldeck 240Dieses Portrait of a Man scheint sich stilistisch an Lucas Cranach d. Ä. zu orientieren. Max J. Friedländer und Wilhelm Valentiner stuften es 1932 jedoch als Werk des Meisters der Gregormessen ein, reihten es aber in ihr Cranach-Werkverzeichnis ein, allerdings mit der Bezeichnung SUP 17. Das Bild befand sich 1920 im Kunsthandel und gelangte in das Metropolitan Museum, New York (Friedsam Collection Nr. 32.100.61). Das Museum selbst dagegen schreibt vom Umkreis Lucas Cranach d. Ä. Die sorgfältige Malweise, die Positur des bislang unbekannten Dargestellten und der Ausblick in die Berglandschaft legen stark die Vermutung nahe, daß es sich um ein Werk Cranach d. J. handelt, der seit 1535 in der Werkstatt des Vaters tätig wurde und dessen Anfangsjahre immer noch unzureichend erforscht sind (es gibt nicht einmal eine Monographie über ihn). Dem Portrait fehlt jedenfalls die den Cranach-Vater kennzeichnende Robustheit der Bildauffassung. Zudem wäre die Portiere im Bildhintergrund, die von Italien herkommend beliebt wurde, für ihn ein Fremdkörper gewesen. Das vorliegende Bildnis stammt lt. Datierung von 1538 (Öl auf Holz 55/56 x 42 cm) und verfügt über eine Altersangabe: 45 Jahre. Daraus ergibt sich für die Person der Geburtsjahrgang 1493. Trotzdem konnte der Dargestellte bisher nicht ermittelt werden.

Der vornehme Mann trägt eine schwarze Schaube und das passende Barett dazu. Im Ausschnitt ist nach Art des Spatenkragens ein feines weiß plissiertes Hemd zu sehen, das mit einem breiten, goldbestickten Kragen abschließt. Sein Vollbart betont die Breite und endet unten horizontal. Damit gleicht er sich der mitteldeutschen Bartmode an, wie sie bei Cranach-Portraits häufig zu finden ist. Daß der Betrachter hier einen Mann von Adel vor sich hat, bestätigt die goldene Halskette. Seine beiden Hände halten eine orangene Frucht; gemeint ist damit vermutlich ein Granatapfel.

Der Dargestellte ist offensichtlich begütert, denn er an der linken Hand fünf Ringe ─ ein Hinweis auf ausgedehnten Grundbesitz. Sein Halbportrait ist vor eine grüne Portiere gesetzt, die aber rechts noch einen keilförmigen Ausblick in die Landschaft ermöglicht. Hier befindet sich am Steilhang eine hochaufragende Burganlage; auch dies eine Hinweis auf ritterliche Abkunft.

Damit gehört der Unbekannte zur damaligen Prominenz, die bei den Historiographen entsprechend ihren Aktivitäten mehr oder weniger ausführlich Erwähnung fand. Die Konstellation aus Geburtsjahr und Herkunft führt unmittelbar auf Graf Philipp IV. von Waldeck-Wildungen. Dieser wurde 1493 auf der väterlichen Burg Altwildungen geboren und übernahm schon 1513 die Herrschaft über die Grafschaft. Erzogen wurde Philipp jedoch in Luxemburg, wo sein Vater Heinrich als kaiserlicher Statthalter tätig war. Auf dem berühmten Reichstag zu Worms 1521 machte Philipp die Bekanntschaft von Martin Luther, dessen Auftritt (»hier stehe ich und kann nicht anders«, wie es in der Legende heißt) ihn sehr beeindruckte. Daraufhin ließ er in seinem Territorium ab 1525 lutherisch predigen und führte im Folgejahr die Reformation in der Grafschaft ein. Kirchenpolitisch organisierte er sein Gebiet nach den Prinzipien aus Wittenberg. Die Entscheidung beim Portraitauftrag für die Cranach-Werkstatt paßt zu seiner konfessionspolitischen Ausrichtung.

Worms war für Philipp noch darüber hinaus von Bedeutung, denn er lernte hier Margaretha von Ostfriesland kennen (*1500), die er 1523 in Emden heiratete. Sie hatten neun Kinder; doch Margaretha starb 1537. Infolgedessen ging Philipp 1538 eine zweite Ehe ein mit Katharina von Hatzfeld (s. Beitrag Cranach d. J., K. Hatzfeld). Die Gleichzeitigkeit von Bilddatum und Eheschließung legt nahe, daß es sich beim Bildnis Philipps um ein Brautwerbebild handelte. Dafür spricht auch, daß er darin einen Granatapfel in Händen hält. Er will nämlich damit aussagen, daß er eine Kinderschar in die Ehe einbringt, denn der Granatapfel steht für Fruchtbarkeit. Somit entspricht das Bildnis nicht nur durch Datum und Alter der Lebensgeschichte Philipps. Seine zweite Ehe blieb jedoch kinderlos.

Nach dem Tod seiner zweiten Frau ging Philipp 1554 eine dritte Ehe ein mit Jutta von Isenburg-Grenzau, die er auch überlebte; sie starb 1564. Wie sein Vater Heinrich VIII. (*1513) ist auch Philipp IV. durch ein Andreas-Herber-Denkmal in der Waldecker Kapelle der ehemaligen Zisterzienserkirche Marienthal in Netze verewigt.

© Christoph Wilhelmi, Stuttgart 2015

Literatur

German Paintings in the Metropolitan Museum of Art 1350─1600. New Haven/London 2013
Johann Heinrich Zedler: Das Grosse vollständige Universal-Lecikon aller Wissensgebiete und Künste. Leipzig 1732-34

Bildnachweis

German Paintings in the Metropolitan Museum of Art 1350─1600. New Haven/London 2013 S. 88f

Anmerkung
Im CranachDigitalArchive hat das Portrait die Kennung
US_NAMAKC_31-112. Der Inhalt wurde noch nicht aktualisiert.