Erstveröffentlichung

Lucas Cranach d. J.

Michael Beuther

09.03-Cranach-dJ-Beuther 240Die beiden robusten Portraits eines Paares, von Lucas Cranach d. J. jeweils 1566 datiert, gehören schon lange zum Bestand der Nationalgalerie, Prag (Öl auf Holz, je 84 x 58,7 cm. DO 4146 und DO 4145), doch blieb es bislang bei der Bezeichnung Bildnis eines 44jährigen Mannes. Die etwas durchschnittlich erscheinenden Physiognomien bieten keine Ähnlichkeit oder Charakteristika an, wodurch bisher ein Weg zur Aufklärung der Identität eröffnet worden wäre. Mit Sicherheit läßt sich nur sagen, daß es sich bei beiden nicht um Adlige handelt, eher Patriziern einer Stadt.

Beide gehören sicherlich nicht der Unterschicht an, denn die edle Arbeit der gestickten und plissierten Bluse sowie einer entsprechenden Schürze um die enge Taille des dunklen Kleides, das sich auf Bildbreite nach unten ausweitet, lassen auf einen gewissen Wohlstand schließen. Die etwas aus der Mitte gerückte Frau trägt eine dunkle Kappe mit weißer Borte, die weder rheinisch noch niederländisch ist. Sie besitzt auch den einzigen Schmuck der beiden: zwei zusammengeschobene Ringe am linken Ringfinger. Während die Hände der Frau mittig aufeinanderliegen, hat der Mann die Hände getrennt. Er ballt unten am Bildrand mit der Rechten eine Faust. Von seiner linken Hand ist nur der Daumen sichtbar, der auf eine dunkle Kopfbedeckung drückt. Ob der Mann ein Gelehrtenbarett hält, läßt sich im Dunkel nicht ausmachen. Der in weit fallende, dunkle Gewänder gekleidete Mann bildet in einer nahezu monochromen Fläche, sozusagen einen dunklen Berg, auf dessen Spitze das bärtige Gesicht des Mannes aufleuchtet, umgeben von einem gekräuselten Hemdkragen. Er ergibt ein dezentes Pendant zum wertvollen Kragen der Frau. Beide Personen richten fest ihren Blick auf den Betrachter. Die Hintergründe hat Cranach ohne Requisiten gemalt; sie sind aber nicht monochrom. Jedoch werfen beide Personen nach hinten bzw. außen Schatten, als ob die Lichtquelle vom Betrachter ausginge.

Ganz dezent hat Cranach seine Inschriften symmetrisch in den oberen, äußeren Ecken platziert:

AETATIS SVAE · 44
1536
AETATIS SVAE · 38
1536

und jeweils mittig darunter seine Flügelschlange, das Signet, welches schon sein Vater benutzte. Unmißverständlich geht aus den Angaben hervor, daß der dargestellte Mann 1522 geboren wurde, die Frau 1528. Diese klaren Vorgaben nützten bisher aber nichts, um zumindest den passenden Mann zu finden; einzeln dargestellte bürgerliche Frauen um 1500 zu identifizieren, erweist sich ohnehin als fast unmöglich; meist gelingt dies nur über den Partner wie auch hier.

09.03-Cranach-dJ-Beuther NEB 240P. Aubry: Michel Beuther. Holzschnitt 1581Ein glücklicher Zufall führte schließlich zu einem weitgereisten und vielseitigen Wissenschaftler: Michael Beuther (1522─1587). Bei ihm trifft nicht nur das Geburtsjahr zu, sondern auch ein, wenn auch vergröbertes, graphisches Vergleichsportrait, das von Peter III Aubry (1610─1686) geschaffen wurde. Beuther wurde als Sohn eines Würzburger Amtmanns in Karlstadt am Main geboren, wie der als Konkurrent Luthers bekannt gewordene Theologe Karlstadt. Beuther kam viel in Mittel- und Westeuropa herum und bekleidete wechselnde Funktionen. Offenbar stammte er aus einem wohlhabenden Haus.

Der Überlieferung nach hat er in Poitiers Jura studiert und auf Empfehlung von Philipp Melanchthon in Padua ein Medizinstudium angeschlossen. In Ferrara promovierte er in bürgerlichem und kanonischem Recht. Danach lehrte er in Greifswald, wurde dort 1546 Rektor und 1565 auf den Lehrstuhl für Geschichte in Straßburg berufen. 1567/69 wählte ihn die dortige Universität zum Rektor. Außer im Lehramt bekleidete er weitere Funktionen: als Berater des Bischofs von Würzburg und Bibliothekar des Kurfürsten Ottheinrich von der Pfalz in Heidelbergs berühmter Bibliothek Palatina, die bei der späteren Eroberungen der Stadt teils in den Vatikan, teils nach Paris verschleppt wurde.

Straßburg war damals unter Martin Bucer (1491─1551), der ähnlich reformerisch orientiert war wie Erasmus von Rotterdam, eine der Reformation zuneigende Stadt. Ihr war die Ausbildung der Jugend ein wichtiges Anliegen; somit ergab sich eine Parallele zu Melanchthons pädagogischer Ausrichtung. In diesem Sinne wurde auch Beuther in Straßburg tätig. Publizistisch setzte sich Beuther für die Verbreitung der Schriften des Aristoteles ein, analysierte kritisch das öffentliche Recht des Hl. Römischen Reiches, vor allem das damalige Wahlrecht in den Fürstentümern. Aber auch die Vor- und Frühgeschichte des Elsaß beschäftigte ihn. »Beuther entfaltete Zeit seines Lebens eine umfangreiche literarische Tätigkeit... Daneben erwarb er sich große Verdienste um eine Reform der frühneuhochdeutschen Orthographie« (Elke Kropp).

Da in älteren Biographien die Leistungen einer Person mehr zählen als das Familienleben, ist über Beuthers Familie nicht viel bekannt. Das Entscheidende jedoch in Bezug auf das Bilder-Paar ist überliefert. Beuther heiratete erst mit 40 Jahren 1562/63, die Tochter eines Mainzer Bürgers namens Reuss. Insofern wird die Identität der beiden Portraits bestätigt, die Beuther demnach im vierten Ehejahr in Auftrag gab. Offenbar hängt der Auftrag mit seiner Berufung nach Straßburg zusammen, der Stadt, in der er am längsten verweilte. Cranach kannte Beuther wohl noch von seinem früheren Aufenthalt in Wittenberg und Torgau her, wo ihn der Kurfürst von Sachsen eine Zeitlang als Musterschreiber beschäftigte (lt. Zedler), denn die Wahl des dezidiert lutherischen Künstlers erstaunt eigentlich. Zwar war Beuther selbst auch reformatorisch gesinnt. Aber weder in Straßburg, noch in Heidelberg hatte sich die lutherische Lehre durchsetzen können; Heidelberg war sogar deutlich calvinistisch geprägt. Doch sich nicht ideologisch festzulegen, entsprach seinem Naturell. Zedler formuliert es noch so: er »entsagte allen politischen Geschäfften«; sein Standpunkt war eher kosmopolitisch. »Er hat verschiedene theologische, juristische und historische Bücher geschrieben; wie er denn in allen Wissenschafften und in den meisten Europäischen Sprachen wohl erfahren gewesen« (Zedler) ─ ein dezidierter Humanist also.

© Christoph Wilhelmi, Stuttgart 2015

Literatur

Olga Kotková: National Gallery in Prague. German and Austrian Painting oft he 14th-16th Centuries. Praha 2007
Elke Kropp. In: Kaiser Karl V. und seine Zeit. Bamberg 2000  S. 15 f

Nouveau dictionnaire de biographie alsacienne. Vol. 1 Strasbourg o.J.
Johann Heinrich Zedler: Das Grosse vollständige Universal-Lexicon aller Wissenschaften und Künste. Leipzig 1732-54

Bildnachweise

Olga Kotková: National Gallery in Prague. German and Austrian Painting of the 14th-16th Centuries. Praha 2007 S. 54/55
P. Aubry: Michel Beuther. Holzschnitt 1581
Nouveau dictionnaire de biographie alsacienne. Vol. 1 Strasbourg o.J. S. 207

Anmerkung
Im CranachDigitalArchive hat das Portrait die Kennung
C_NGP_DO4146. Der Inhalt ist noch nicht aktualiisert.