Erstveröffentlichung

Giambattista Moroni
Giovanni Botero

52.06-Botero-240Zur National Gallery of Canada, Ottawa, gehört ein strenges Portrait, das den Titel Ritratto di giovane gentiluomo (Öl auf Lw. 97,9 78,2 cm. ca. 1573) trägt. Der Auftraggeber für den Maler Giambattista Moroni (1520/24─1579) ging wohl davon aus, daß sein Motto, in klassischen Lettern gedruckt und von der Brüstung im Bild herabhängend gemalt, jederzeit als Spur zu seiner Person führen würde. Aber auch der Vorbesitzer, die venezianische Patrizierfamilie Venier, hatte schon den Namen des Dargestellten vergessen, als das Gemälde im vorigen Jahrhundert von der National Gallery of Canada (Nr. 3082) angekauft wurde.

Das Motto, genauer eine Imprese, war eine humanistische, gesellschaftliche Erfindung und sollte das Gegenüber beeindrucken. In diesem Fall wird hier in drei Wörtern bzw. drei Zeilen die Maxime des Dargestellten in Versalien angezeigt:

DVRITIEM
MOLLITIE
FRANGIT

Übersetzt lautet der Text so:
Es bricht die Härte durch Geschmeidigkeit.

(Übersetzung Christian Graf)

Aus dem Text geht mittelbar hervor, daß es sich um einen Politiker der Gegenreformation handeln könnte, der aber Aggression und Konfrontation gegenüber den Kontrahenten für nicht ratsam erklärte und moderateres Auftreten für angebracht hielt.

Wie lauernd tritt hier ein offenbar asketisch ausgerichteter, etwa Dreißigjähriger auf, der durch die Schweinslederbände als publizierender Humanist ausgewiesen ist. Er strahlt kein Wohlwollen aus, sondern nimmt den Betrachter kritisch unter die Lupe. Durchweg ist er hochgeschlossen schwarz gekleidet. Sein Antlitz wird, quasi auf einem ondulierten, weißen Kragen platziert, dem Betrachter präsentiert. Aus gleichem Material sind seine Manschetten. Seine umfangreiche schwarze Kopfbedeckung erscheint wie ein Turban, der sich nur wenig vom Grüngrau des Hintergrundes abhebt, während die Kleidung weiter unten konturlos ins Dunkel übergeht. Die gepflegte Kleidung des Halbportraits tendiert zur französischen Mode. Am kleinen Finger der rechten Hand trägt er einen goldenen Ring, was besagt, daß er demnach nicht aus ärmlichen Verhältnissen kommt. Mit dem rechten Unterarm stützt er sich auf eine Brüstung, auf der Bücher und Schriftstücke liegen und auf der auch die linke Hand liegt ─ Ausweis für einen Gelehrten.

Seine Gesichtsfarbe erscheint ungesund blaß. Seine dunklen Augen nehmen den Betrachter kritisch in den Blick. Seine Haltung scheint auf Askese gerichtet, obwohl er sich mit gewisser Vornehmheit gekleidet hat., Diese hält eine Papierrolle mit einem lateinischen Motto. Offenbar stellt sich hier ein Autor vor.

Von sieben Kandidaten gleichen Alters ergab sich Giovanni Botero als der Zutreffende. Er wurde 1544 in Bene de Cuneo auf savoyischem Gebiet geboren. Über seine Herkunft d.h. über seine Eltern ist wenig bekannt. Wahrscheinlich war er nicht von Adel, schaffte es aber das Wappen einer gleichnamigen Patrizier-Familie zu übernehmen. Durch diese Adaption wird auch ein anderes Portrait in Bene de Cuneo mit ihm in Verbindung gebracht; darauf wird allerdings 1533 bzw. 1540 als Geburtsjahr angegeben.

In Boteros Jugendzeit stand das Gebiet unter französischer, zeitweise auch spanischer Herrschaft. Botero ist erst 1559 aktenkundig und als Student bei den Jesuiten registriert worden, merkwürdigerweise in Palermo. Er hatte damals Rhetorik und Griechisch belegt. 1560 wechselte er ans Collegio Romano in Rom und ließ sich aus diesem Anlaß in den Orden aufnehmen. Er wirkte schmächtig und anscheinend auch neurotisch; dazu paßt sein fahles Gesicht. In den Folgejahren hielt er sich auch an dem Wallfahrtsort Loreto und in der Stadt Macerata auf. 1565 begab er sich nach Frankreich und zwar in Einrichtungen der Jesuiten in die Auvergne bzw. Clermont-Ferrant. In diese Zeit fällt der Anfang seiner Schriftstellerei; damals plante er ein Epos über eine Figur der Kreuzzüge. 1568 wechselte er, unstet wie er war, nach Paris und schloß sich der Bewegung des Herzogs von Guise an, der später zu einem Widersacher des französischen Königs Henri IV wurde, der ursprünglich Protestant gewesen war.

Auch hier hielt es ihn nicht lange dort; stattdessen war Mailand sein neues Ziel, weil ihn die maßgebliche Figur des Tridentinischen Konzils, Carlo Borromeo (1538─1584) anzog. 1574 las Botero seine erste Messe, kam aber bald zu der Überzeugung, daß er sein Studium doch noch fortsetzen sollte. Dazu wechselte er nach Padua, wo er sich mit dem Gelehrten Gian Vincenzo Pinelli (1535─1601) anfreundete, bekannt geworden als Sammler wissenschaftlicher Instrumente. Offenbar beschloß Botero damals, sich porträtieren zu lassen, denn die Entstehung des undatierten Gemäldes wird auf ca. 1573 geschätzt. Bisher lieferte ein Holzstich (?) ohne nähere Angaben in der Enciclopedia italiana die einzige zugängliche 52.06-NEB-botero-Giovanni Botero. Undatierter StichAbbildung. Vom Aussehen her wird er dort jedoch deutlich älter eingestuft. 

Als der französische König Henri II zum König in Polen gewählt wurde, inspirierte das Ereignis Botero, auf ihn ein Gedicht von 355 Hexametern zu verfassen. Dieses brachte ihm eine Einladung an den polnischen Hof in Krakau ein. Dort machte er die Bekanntschaft des polnischen Kanonikers Pietro Kostka. Nach seiner Rückkehr beschäftigte er sich mit der Vita des römischen Kaisers Konstantin und hatte die Idee, dazu eine Komödie zu schreiben. Um die Zeit wurde der Herzog Albrecht V. von Bayern (1526─1579) auf ihn aufmerksam, der sich als Protektor der Jesuiten in Deutschland ansah.

Als Botero 1577 sein Theologie-Studium in Padua abschloß, fand wegen der damals wütenden Pest keine Feier für die Absolventen statt. Botero wich nach Genua aus, verbrachte dort den Winter zu und spielte mit dem Gedanken, als Missionar in die Neue Welt zu gehen. Doch bald schwenkte er um, als ihm von der Universität Mailand angeboten wurde, dort Vorlesungen über die Hl. Schrift zu halten.

Verständlicherweise empfanden die Oberen im Jesuiten-Orden und im Vatikan Botero als schwierig und reagierten auf seine Kehrtwendungen gereizt. Erst recht kompliziert wurde die Situation, als der Mailänder Kardinal Borromeo über das Vorgehen der Jesuiten in der Lombardei verärgert war. Er verfügte, daß Botero an das Kolleg in Turin gehen sollte. Da Botero nicht Folge leistete, kam es 1580 zu einem Konflikt zwischen beiden und dem Befehl Borromeos, nach Saluzzo am Fuß der französischen Alpen zu ziehen. Er wurde dort beauftragt, gegen die aus Frankreich einsickernden Hugenotten vorzugehen. Als Botero auch diese Weisung nicht befolgte, bekam er Zellenarrest, also eine Art Beugehaft und wurde aus dem Orden ausgeschlossen.

Doch dann nahm ihn der von Carlo Borromeo gegründete Oblatenorden auf und teilte ihm bestimmte Aufgaben zu. Nebenher hatte er Gelegenheit, eine Schrift über die göttliche Weisheit zu verfassen: De regia sapientia, die er Borromeo 1583 überreichte. Darin argumentiert Botero gegen den sich ausbreitenden Machiavellismus in der damaligen Politik. Um die Zeit wurde in Pavia die offizielle Zeugnisübergabe nachgeholt. Zugleich wurde Botero ehrenhalber zum Rektor der Accademia degli Accurati ernannt, einer Gruppierung von Akademikern, die ein Neffe von Borromeo gegründet hatte, der spätere Kardinal Federico Borromeo. Carlo Borromeo nahm Botero bei einer Reise nach Rom in sein Gefolge auf, zu der auch ein Besuch des Wallfahrtsorts Loreto gehörte.

Dienstlich setzte Borromeo Botero dafür ein, kirchliche Einrichtungen und Klöster zu visitieren und diese entsprechend seiner Restaurationspolitik diese auf Linie zu bringen. Entsprechend seiner straffen Restaurationspolitik setzte er alle verfügbaren Kräfte ein, um die Mailänder Diözese als Muster auszurichten. Nebenher schrieb Botero an einem bezeichnenden Werk unter dem Titel Del dispegio del mondo (Über die Verachtung der Welt). Darin vertrat er die Ideale der Askese, auf die Borromeo abhob. Der starb aber 1584. So mußte sich Botero um andere Gönner bemühen, um seine Lebensweise fortzusetzen. Er fand ihn u.a. in Kardinal Vincenzo Lauro (1523─1592), Mondovi.

Es würde in diesem Rahmen zu weit führen, alle weiteren Publikationen und Stationen im Leben von Botero aufzulisten. Dabei streckte er auch seine Fühler nach Frankreich aus. Damals setzte er sich auch mit dem namhaften Staatsrechtler Jean Bodin (1529/30─1596) auseinander. Immer wieder wechselte er seine Standorte: Pavia, Paris, Rom. Seine Bücher wurden teilweise auch ins Französische, Spanische und Lateinische übersetzt; einige konnten bei dem prominenten Verleger Gabriel Giolito de’Ferrari in Venedig erscheinen. Vorwiegend handelten sie von der Gegenreformation in der Politik. Botero kam es auf Rechtschaffenheit an im Rahmen der alten Kirche. Seinem Motto entsprechend riet er zu Geschmeidigkeit.

Zu seinem Hauptwerk wurde Ragion di Stato (Staatsräson), es erschien in Rom 1590 bei Pelagallo und bezog die neuen Provinzen in Amerika ein. Der Erlös der Bücher ermöglichte ihm inzwischen eine ansehnlich wirtschaftliche Basis. Dazu kamen einige herrschaftliche Pensionen wie vom piemontesischen Hof.

Von seiner staatsrechtlichen Beschäftigung her war der thematische Schritt zu einer Serie von Politiker-Biographien nicht weit. Für Carlo Emanuele I. (1562─1630), dessen Söhne er zeitweilig unterrichtte, verfaßte er biographische Erzählungen von 15 katholischen Herrschern unter dem Titel Principi cristiani (1603). Erstaunlicherweise wagte er sich auch an eine Beschreibung der Seerepublik Venedig, die auch 1605 in Venedig herauskam, aber ─ naheliegenderweise ─ von der dortigen Zensur stark abgeändert wurde.
Als Botero 1617 starb, liessen die Jesuiten es zu, daß er auf seinen Wunsch in S.S. Martiri █ bestattet wurde, obwohl ihm früher die Rückkehr in den Orden verwehrt worden war.

© Christoph Wilhelmi, Stuttgart 2019


Literatur
Luigi Firpo. In: Dizionario Biografico degli Italiani. Vol. 13 Roma 1971
Giovanni Battista Moroni. Lo sguardo sulla realtà 1560-1579. Milano 2004 S.172

Bildnachweise S. 567
Giovanni Battista Moroni. Lo sguardo sulla realtà 1560-1579. Milano 2004 S.173
Enciclopedia italiana. Roma █ Vol. VII S. 567