Meister Michel
Johannes Dantiscus

110.01 Michel-Dantiscus240Schon seit langem gehört ein vornehmes, mit zwei verzierten Wappen geschmücktes Halbportrait (Öl auf Eiche 69 x 50 cm, datiert 1518) eines Würdenträgers zum Bestand des Germanischen Nationalmuseums (Gm 1613) in Nürnberg. Wie an einem Fensterbrett steht ein mit weitem, pelzbesetzten Mantel gekleideter, etwa Vierzigjähriger mit roter Kappe, rotem Gewand und doppelter Goldkette ausstaffierter Mann vor dunklem Hintergrund, der sinnend in die Ferne nach links schaut. Ob die rote Kappe auf einen Juristen oder einen Kirchenmann deutet, muß zunächst offen bleiben. Auch das linke Wappen erweist sich nicht als hilfreich; jedenfalls blieb es bislang ungeklärt. Das rechte zeigt einen nach rechts neigenden Ast-Abschnitt mit drei Seitentrieben, an denen drei rote Herzen hängen. Dieses Wappen ist dem der Nürnberger Familie Praun ähnlich; aber im Wappen der Familie ist der Ast entgegengesetzt geneigt. Es gelang auch bisher nicht, eine überzeugende Brücke zur Familie Praun in Nürnberg zu schlagen. Offenbar war jedoch das Bild zeitweilig in Besitz von Jakob Praun (1558 ─ 1627). So wäre es denkbar, daß die Wappen zu dessen Zeit aufgemalt wurden, um das Portrait für die Familie Prau zu adaptieren. »Laut technologischem Befund wurde der Platz für beide Wappen auf dem Hintergrund ausgespart« (Kurt Löcher).

Jedenfalls handelt es sich hier um einen vermögenden Mann, wie die drei Ringe an der rechten Hand und zwei an der linken Hand bestätigen. Sie faßt außerdem einen dekorativ auf dem Brett ausgelegten Rosenkranz, der ebenfalls kostspielig ist, weil er aus lauter roten Korallen besteht. Des Weiteren befinden sich über dem linken Wappen Symbole für (Halb-) Mond und Sonne. Emblematisch aufgefaßt könnte es bedeuten, daß der Dargestellte das 1510 erschienene Werk eines französischen Humanisten, Carolus Bovillus / Charles de Bouelles (1479─1567), gekannt hat. Dieser Denker war lt. Ernst Bloch ein ´Schüler´ des Nikolaus von Cues, einem späteren Kardinal. Für ihn ist »der Mensch als metaphorische Weltmitte« (Tamara Albertini) aufzufassen. In Bovillus‘ Werk Liber de intellectu (in der Universitätsbibliothek Düsseldorf) ist, wie der Holzschnitt zeigt, dem humanus intellectus ein intellectus angelicus gegenüber gestellt. Es könnte also sein, daß der Dargestellte sich mit dieser Vorstellung identifizierte. Ansonsten wäre etwas schlichter anzunehmen, daß Mond undSonne anzeigen sollen, daß der Porträtierte Tag und Nacht für seine Sache aktiv ist. Schließlich stehen noch ganz oben links am Bildrand drei Initialen: I R D, welche aufzulösen bishernicht gelingen wollte.
110.01-Meister-NebUnbekannter Künstler:
Illustration zu Bovillus: Liber de intellectu.
Holzschnitt 1510
Der Urheber des Portraits war ein versierter Maler, wie sich auch in dem an Albrecht Dürer geschulten Portrait zeigt, von dem aber leider nur der Vorname Michel überliefert ist und die Tatsache, daß er aus Augsburg stammt. Nun hat Friedrich Winkler 1948 die Augsburger Malerbildnisse der Dürerzeit publiziert. Aber keiner von ihnen trägt den Vornamen Michael. So weiß man bedauerlicherweise nichts über den Bildungsweg von Meister Michel (ca.1480 ─ nach 1527). Vielleicht ist er auch aus einer Nürnberger Werkstatt, z.B. Michael Wolgemuts, hervorgegangen.


Meister Michel muß bereits renommiert gewesen sein, als ihm 1511 der Rat der Stadt Danzig nach dem Abschluß des Gewölbes den Auftrag erteilte, für die größte norddeutsche Backsteinkirche St. Marien die Tafeln des Hochaltars zu malen. Seine Befähigung hatte er in Lauenburg, Zuckau und Elbing bewiesen. Sein figurenreiches Werk wurde jedoch mit dem gewaltigen Raum der Marienkirche konfrontiert. »Einmalig sind die Dimensionen des Raumes, den die Pfeiler kaum gliedern, sie sind eher als Stützen des Gewölbes zu betrachten. Monumental wirken die Außenmauern mit den charakteristischen dekorativen Ecktürmen« (Janusz Keblowski S. 288). Der Altar trug »nun den riesigen Verhältnissen des inzwischen zur Einheit gewordenen Hallenraums Rechnung» (Willi Droste S. 88). Als die Tafeln für den Hochaltar 1516 fertiggestellt wurden, waren Rat und Bürger sehr beeindruckt und machten ihn sozusagen zum Ehrenbürger. Einer dieser von den künstlerischen Fähigkeiten des Altarmalers Begeisterten war der Auftraggeber des vorliegenden Portraits. Insofern liegt es nahe, in ihm einen prominenten Bürger der Hansestadt Danzig zu sehen, aber keinen Handelsherrn.

Daß die goldene Kette in diesem Fall nicht als Hinweis auf einen Adligen anzusehen ist, war zwar anzunehmen. Aber daraus zu folgern, daß es sich um einen Bürgermeister handeln könnte, wie ein ähnlich geschmücktes Portrait des späteren Danziger Bürgermeisters Constantin Ferber (+1552) nahelegt, wurde schnell zunichte gemacht. 1518 waren Eberhard Ferber, Philipp Bischoff u.a. Bürgermeister der Stadt. Insofern muß nach einer anderen hochrangigen Person für den Dargestellten Ausschau gehalten werden.

Mit hoher Wahrscheinlichkeit kommt Johann von Höfen für das Portrait infrage, der Sohn eines vermögenden Danziger Bürgers, der sich im Flachshandel hochgearbeitet hatte, dessen Vater noch den Beruf des Flachsbinders ausgeführt und diese Tätigkeit zum Familiennamen gemacht hatte. Der Dargestellte konnte sich ein Jurastudium leisten; dieses begann er in Greifswald und setzte es in Krakau fort. Hier in der Königsstadt lernte er den mächtigen polnischen Kanzler, Jan Łaski (1455 ─ 1531) kennen, einen Humanisten und Reformer, der ihn engagierte und für ihn einige Semester in Italien finanzierte. Er kehrte anschließend nach Krakau zurück, das im Osten zum Mittelpunkt humanistischer Studien geworden war. Währenddessen hat er seinen Namen in der Mode des Humanismus latinisiert; er nannte sich nun Dantiscus (1485 ─ 1548). Die Wahl dieses Namens zeigt an, daß er ein hundertprozentiger Danziger sein wollte.

Zunächst setzte er alles daran, um 1505 königlicher Notar zu werden; daraufhin durfte er die rote Gewandung tragen. Der Regent dieses Teils der Ostseeküste war der polnische König (s. Beitrag Cranach d. Ä., Zygmunt I.), mit dem die Stadt Danzig über Jahrhunderte Differenzen hatte, weil die Hansestadt bestrebt war, bei ihren Ratsentscheidungen möglichst unabhängig zu sein. Dantiscus verstand sich zwar als Mittler in dieser Sache, wobei aber die Loyalität gegenüber dem König für ihn Vorrang hatte. An der doppelten Goldkette hängt deswegen wahrscheinlich eine Bildnismedaille von Zygmunt I. Auf den preußischen Landtagen vertrat er den König. Insofern war er bei seinen vorwiegend deutschen Mitbürgern eine umstrittene Figur; dennoch brauchte man ihn als Ansprechpartner immer wieder. »Denn in Danzig, im 16. Jahrhundert eine der größten deutschsprachigen Städte überhaupt, hatte die auf Reformation drängende Bürgermehrheit gegenüber dem Regiment der Ratsaristokratie, die mit Rücksicht auf den König von Polen sowie den weitab, in Breslau, residierenden zuständigen Bischof dem Neuen mit Zögern begegnete, soeben einen wichtigen Fortschritt erreicht, die Einführung des Abendmahls unter beiden Gestalten in mehreren Kirchen« (Bernd Moeller Nr. 638).

Da Dantiscus des Königs Vertrauen besaß, erteilte ihm dieser ab 1519 auch diplomatische Aufträge. Möglicherweise war das auch für Dantiscus der Anstoß, sein Portrait in Auftrag zu geben, denn nur so sind die Initialen zu verstehen: I für Johann, R für regis und D für Dantiscus d.h. Johann, des Königs Danziger [Beauftragter].

Sein eigener Antrieb zu Macht und Einfluß muß beträchtlich gewesen sein. Dabei koppelte er geschickt politische und kirchliche Machtpositionen. Auch heiratete er nicht, weil er zunächst einmal eine Domherrnstelle im Ermland anstrebte. 1505 bekam er die niederen Weihen; 1507 wurde er königlicher Sekretär bzw. Berater. 1516 reiste er nach Wien, wo ihn u.a. Kaiser Maximilian I. umwarb und den Doktorgrad des zivilen und kanonischen Rechts und den Titel comes palatinus verlieh. Dantiscus schloß sich in Krakau dem Dichterkreis um Paul von Krossen an undäußerte sich publizistisch als neulateinischer Poet. So veröffentlichte er Epigramme, die Ulrich von Hutten würdigte; zugleich ließ er sich von Maximilian I. zum poeta laureatus krönen. Zwar kam er nie mit Erasmus von Rotterdam zusammen; aber, wie es unter Humanisten zum guten Ton gehörte, korrespondierte er mit ihm. Jahrelang war er als Diplomat auch in Italien für den polnischen König tätig, da dessen Frau Bona Sforza Erbstreitigkeiten zu regeln hatte. Als Karl V. 1518/19 in Barcelona Hof hielt, war Dantiscus jahrelang als Gesandter in Spanienunterwegs. 1530 nahm er am Reichstag in Augsburg teil; und nun ging schließlich seine Rechnung auf: Er wurde 1529 Pfarrer an der Danziger Marienkirche und 1530 Bischof von Kulm sowie 1537 zusätzlich Bischof des Ermlandes bis 1548.Dantiscus »gründete an seinem Bischofsitz Heilsberg ein Zentrum humanistischer Gelehrsamkeit mit umfangreicher Bibliothek, deren Bestände 1703/04 nach Schweden entführt wurden« (A. G. Świerk).

So handelt es sich bei Dantiscus um eine charakteristische Figur der Renaissance; er repräsentiert die Ämterhäufung, die damals nicht nur im kirchlichen Bereich starken Anstoß erregte, so daß diese zu einem erheblichen Anlaß für die Reformation wurde. Der Danziger Drucker Hans Weinrich vertrieb ab 1520 Luther-Schriften in deutscher Sprache. Aber Dantiscus polemisierte gegen Luther und hielt an der alten Kirche fest: »In seiner neuen Diözese ergriff D. strenge Maßnahmen gegen die Anhänger Luthers. In zwei Edikten drohte er ihnen 1539 und 1540 mit den Mitteln seiner landesherrlichen Gewaltdie Konfiszierung ihrer Güter und die Landesverweisung an« (Hans-Jürgen Karp). Auf der anderen Seite »pflegte D, trotz unterschiedlicher Auffassungen in Fragen der Dogmatik, der Kirchenzucht und des Kirchenrechts freundschaftliche Beziehungen« zu Herzog Albrecht von Preußen (s. Beitrag Cranach d. J.: Albrecht von Preußen). »Er erkannte die Notwendigkeit einer besseren Ausbildung des Klerus und bemühte sich seit 1536 nach Kräften, die Kulmer Schule der Brüder vom gemeinsamen Leben zu fördern« (Karp), zumal er selbst wahrscheinlich 1492 aus dieser Einrichtung hervorgegangen war.

Ganz offenbar befand sich Dantiscus phasenweise mit sich selbst in Widerstreit, denn er hatte »schon als kaum Zwanzigjähriger in einem Gedicht die Sehnsucht nach einem verinnerlichten Leben zum Ausdruck gebracht« (Karp) und genoß die die Krakauer Jahre 1509-11, als er dort am Wettstreit der Poeten teilnehmen konnte. Daher klagte er in seiner Zeit in Spanien über die ihm auferlegten Pflichten. Doch seinen Ehrgeiz, am Machtspiel teilzunehmen, überwog anscheinend, zumal der König ihn vielfältig einsetzten konnte. »D. förderte zumindest indirekt die das bisherige Weltbild erschütternden wissenschaftlichen Untersuchungen des Nicolaus Kopernikus, indem er ihm in seiner Diözese einen Raum der Freiheit bot und zur Verbreitung seiner Gedanken beitrug« (Karp).Auch soll Dantiscus Gemälde gesammelt haben; welches Holbein-Bild er damals besaß, wird leider nicht erwähnt. Sein Konkurrent als humanistischer Kleriker, Tiedemann Giese (1480 ─ 1550), folgte ihm als Bischof des Ermlands. ─ Wikipedia bietet einen Portraitstich von Dantiscus zum Vergleich an, der allerdings 1764, also rd. 250 Jahre später, entstand und durch die Zeitdifferenz nicht beweiskräftig ist.

© Christoph Wilhelmi, Stuttgart 2023

Literatur
Willi Drost: Die Marienkirche in Danzig und ihre Kunstschätze. Stuttgart 1963
Angelica Dülberg: Privatporträts. Berlin 1990 Nr. 197
Ilse Guenther. In: Contemporaries of Erasmus. Toronto/Buffalo/London 2003
Hans-Jürgen Karp. In: Erwin Gatz (Hg.): Die Bischöfe des Hl. Römischen Reiches. Berlin 1996

Janusz Keblowski u.a.: Polen. Stuttgart 1989
Kurt Löcher u.a.: Die Gemälde des 16. Jahrhunderts. Germanisches Nationalmuseum Nürnberg. Stuttgart 1997
Bernd Moeller. In: Martin Luther und die Reformation in Deutschland. Frankfurt 1983
Hans Georg Siedler: Danzig. Chronik eines Jahrtausends. Düsseldorf 1991
A.G. Świerk. In: Lexikon des gesamten Buchwesens. Stuttgart 1989 Bd. II
Manuel Teget-Welz: Meister Michel von Augsburg █
Gero von Wilpert: Lexikon der Weltliteratur. Stuttgart 2004

Bildnachweis
Kurt Löcher u.a.: Die Gemälde des 16. Jahrhunderts. Germanisches Nationalmuseum Nürnberg. Stuttgart 1997 █
Juan EduardoCirlot: A Dictionary of Symbols. London 1971 S. 318