Erstveröffentlichung

Frans Pourbus d. Ä.

Adrien de Vries

97.04-Pourbus-Vries 240Diese kleine Tafel von Frans Pourbus d.Ä. (1545─1581) mit der Bezeichnung Portrait d’un homme à la barbe rousse (Öl auf Holz 46,9 x 33,8 cm. 1580 datiert) befindet sich in Paris, jedoch unzugänglich in Privatbesitz. Daher wurde auch nicht nachgeforscht, um welche Person es sich handeln könnte. Das Brustbild beschränkt sich auf die Physiognomie eines eleganten jungen Mannes, welche auf eine weiße, ondulierte Halskrause gebettet ist. Das dunkle Gewand geht in den dunklen Hintergrund über. Ob das kleine Gemälde ein Einzelstück ist, oder Bestandteil eines Bilderpaars, konnte nicht geklärt werden. Im Museum voor Schone Kunsten in Gent soll es ein weibliches Pendant geben, das wohl 1581 datiert ist.

Bei den geringen Parametern, welche das Bild aufweist, bleibt nur die Möglichkeit, über eine Vergleichsabbildung zu einer Identifizierung zu gelangen. Dieser Vorgang braucht viel Zeit ─ und Glück. Nach längerer Suche fiel ein Stich von Jansons (vermutlich Janus Lutma) auf, der offenbar die Lösung 97.04-Pourbus-Vries NEB Georg Christoph Kilian Adriaen de Vries. Stich um 1600Georg Christoph Kilian Adriaen de Vries.
Stich um 1600
des Problems liefern kann, da er den gleichen Blickwinkel auf eine übereinstimmende Physiognomie anbietet.

Dargestellt ist Adriaen de Vries (de Fries, de Frys 1545─1626), der namhafte niederländische Metallbildhauer aus s’Gravenhage, der als Schüler von Giovanni da Bologna in Florenz zu seiner Zeit in Europa fast marktführend tätig wurde. De Vries arbeitete nicht ortsfest, sondern ließ sich zunächst 1588 von Charles-Emanuel de Savoie engagieren; am meisten Ruhm trug ihm der Herkulesbrunnen in Augsburg 1596-1602 ein. Als weiteres Hauptwerk errichtete er den ´Großen Brunnen´ 1612 von Schloß Frederiksborg für Christian IV. von Dänemark. Mehrfach erhielt er Aufträge von Kaiser Rudolf II. in Prag, u.a. für Büsten des Kaisers, für den er seit 1593 arbeitete, und wurde 1601 dessen Kammerbildhauer. Für Ernst von Schaumburg-Lippe arbeitete er ab 1618. Herzog Wallenstein beauftragte ihn 1620 für Bronzefiguren im Waldstein-Palais und Park in Prag. Dort könnte ein weiteres Vergleichsbild von Adriaen de Vries entstanden sein, sind doch dort Bauten mit seinen Figuren zu sehen.


97.04-Hendrik-Hondius-Adriaen-de-Vries-Stich-von-ca NEBHendrik Hondius: Adriaen de Vries.
Stich von ca. 1612
Das kleine Format des Bildes macht es wahrscheinlich, daß es sich nicht um einen offiziellen Auftrag eines Kunden handelt, denn solche Portraits nahmen damals meist das Format um 100 x 80 cm ein, sondern um ein Freundschaftsbild. Es ist zwar nicht dokumentiert, aber überaus wahrscheinlich, daß Pourbus und de Vries sich als Landsleute begegnet sind.


© Christoph Wilhelmi, Stuttgart 2022

Literatur
Allgemeines Lexikon der Bildenden Künstler. Leipzig 1940 Bd. 34
Bruges et la Renaissance. De Memling à Pourbus. Bruges1998 S. 167

Bildnachweise
Bruges et la Renaissance. De Memling à Pourbus. Bruges1998 S. 167
Die Porträtsammlung der Herzog August-Bibliothek in Wolfenbüttel. Reihe A 23070. München u.a.