Lucas Cranach d. Ä.
Moritz Buchner

05.18 Buchner-240Zu den wenig beachteten, aber authentischen Werken von Lucas Cranach d. Ä. (1472 ─ 1553) gehört das fragmentarisch erhaltene Altarbild Die Johannespredigt bzw. Die Predigt Johannes des Täufers (1520-30. Öl auf Holz 79 x 19,5 cm. Landesmuseum, Oldenburg. Friedländer/Rosenberg Nr. 220D). Das nur als Bruchstück erhaltene Bild ist weder signiert noch datiert. Daher wurde es wenig beachtet, weil es nur eine Generation nach Entstehung zum größeren Teil im 2. Markgrafenkrieg 1553 vernichtet wurde. In dem sog. Bundesständischen Krieg wurde die Stadt Kulmbach belagert und die St. Petri-Kirche am Konradstag (26.11.) in Brand geschossen. Beherzte Retter konnten den Rest der Altartafel sicherstellen; 1807 wurde das Fragment nach Oldenburg verkauft. Eine einfachere Version von 1537-40, vielleicht eine Werkstattarbeit, befindet sich in der Fundación Banco Santander, Madrid. Über eine mit Prominenz überladene Version, ein Querformat von 05.18 Atemschutz-2401543, gemalt von Lucas Cranach d. J., verfügen die Staatliche Kunstsammlungen, Dresden. Alle drei Versionen zeigen unterschiedliche Gruppen von Statisten.

Um das Reststück aus Kulmbach besser einordnen zu können, wünschte man sich Hinweise auf die gesamte Bildkomposition. Die gibt es, wenn sie auch bisher offenbar nicht herangezogen wurden. Bereits 1516, also noch vor dem Thesenanschlag Luthers, hat Cranach einen Holzschnitt im Hochformat (33,5 x 23,5 cm) geschaffen, der links auch die Figur des Predigers hinter einer Holzschranke zeigt. Dieser Typus zieht sich durch alle genannten Versionen der Johannespredigt. An dem Holzschnitt stellte Johannes Jahn (S. 50) »den Wald als machtvolle Kulisse« heraus: »Bäume von strotzender Wachstumskraft erheben sich überall«. Gegenüber der Gestalt des Johannes (Matthäus 5,11) hat sich eine im Alter gemischte Hörerschaft abseits ihrer Behausungen versammelt, schon eine Art Untergrundkirche wie bei den Albigensern.

Dieser frühe Holzschnitt ist hilfreich für die Datierung des Gemäldes und belegt, daß Cranach trotz wechselnder Zuhörerschaft bei den verschiedenen Versionen an ihm als Kompositionsvorlage festgehalten hat, so z.B. bei dem Johannes hinter dem Schlagbaum. Auch hier gibt es die junge Mutter mit einem Baby an der Brust, auch hier den Alten mit langem Bart, und sogar die beiden Frauen mit Mundschutz.

Eine Eigentümlichkeit des Kulmbacher Fragments kommt in dem Holzschnitt nicht vor: der am Baum kletternde Zachäus. In seiner roten Kleidung fällt er auf: der Oberzöllner Zachäus aus dem Neuen Testament, der als Steuereinnehmer wiedergegeben wird. Diese hatten begreiflicherweise ein schlechtes Ansehen in der Gesellschaft wegen der von ihnen durchgeführten Steuerbeitreibungen. Seltsam ist daran: Diese Figur gehört in einen ganz anderen Zusammenhang; Zachäus ist eine eigene biblische Geschichte vom Einzug Jesu in Jericho (Lukas 19). Dort heißt es über Zachäus: Er begehrte Jesum zu sehen… er war klein von Person… und stieg auf einen Maulbeerbaum. Vers 6 lautet weiter: er stieg eilends hernieder und nahm ihn [Jesus] auf mit Freuden.

Damit wirft die Darstellung auf dem Fragment unweigerlich die Frage auf, ob hier tatsächlich eine Johannespredigt dargestellt wurde. Zumindest ist es zweifelhaft, ob die bisherige Titelvergabe für das Altarbild heute noch zutrifft. War die Kombination zweier biblischer Geschichten eine Eigenmächtigkeit des Auftraggebers oder Cranachs? 05.18 Buchner Predigt 240Lucas Cranach d. Ä.: Die Johannespredigt.
Holzschnitt 1516
Das sollte noch geklärt werden; doch da stößt man bei dem Fragment auf Schwierigkeiten, denn welche Thematik hatte eigentlich Vorrang? Eine Skizze für das Gemälde gibt es nicht, eben nur den Holzschnitt, jedoch mit einer anderen Gruppe Menschen.


Durch die Corona-Krise bekam dieses Reststück kirchlicher Kunst neuerdings unverhoffte Aktualität, denn inmitten des Fragments ist eine reiche Dame mit breitem Schulterpelz und schwerer Goldkette dargestellt, die Mund- und Nasenschutz trägt sowie weiße Handschuhe. Insgesamt erscheinen die über 20 gezeigten Personen unbekannt, die der Predigt des Johannes resp. dem Einzug Jesu in Jerusalem zuschauen. Stefan Trinks veröffentlichte das Bild am 11.5.2020 in der FAZ und machte es unter der Schlagzeile Auch die Lutherin trug Atemschutz bekannt. Die weiße Maskierung ist in der Tat verblüffend aktuell, zugleich aber auch untypisch für die damalige Zeit. Ob die Frau sich damals vor einem Infekt schützen wollte, oder, selbst infiziert, andere nicht anstecken, bleibt ungeklärt. Unmittelbar links neben der Figur, nur etwas tiefer, ist eine etwas ältere Frau, ebenfalls mit weißer Haube, aber nur mit weiß verhülltem Hals und Kinn zu erkennen.

Rechts neben der verhüllten, noch jugendlichen Frau steht aber ein deutlich hervorgehobener Patrizier mit breitem, rotem Barett, offenbar ihr Ehemann. Beider Halbportraits überragen die Umstehenden, die demnach wohl auf sozial niedrigerer Stufe stehen. Diese Hervorhebung bedeutet aber, daß das Paar als Stifter der Altartafel anzusehen ist. Dieser Brauch war im altkirchlichen Bereich üblich, vor allem in den Niederlanden, wurde aber vereinzelt auch nach der Reformation noch von Luther-Anhängern praktiziert.

Um wen könnte es sich bei diesem Mann mittlerer Jahre handeln? Im Cranach Digital Archive wird ohne Begründung der Kurfürst Friedrich der Weise (1463─1525) aufgeführt. Er war zwar der Dienstherr Cranachs; aber der Deutung widerspricht die Tatsache, daß das Gemälde von außerhalb dessen Herrschaftsbereichs in Auftrag gegeben wurde. Kulmbach gehört zu Oberfranken und wurde damals vom Markgraf Albrecht Alcibiades von Hohenzollern regiert. Friedrich der Weise als Stifter erweist sich auch als gänzlich unpassend, wenn man seine graphischen Portraits von Cranach zum Vergleich heranzieht. Friedrich der Weise war bei der Auftragsvergabe schon über 60 Jahre alt, wäre wesentlich fülliger aufgetreten und verfügte über eine erheblich abweichende Physiognomie. Im Gemälde handelt es sich dagegen um einen blonden Mann in den besten Jahren zwischen 30 und 40.

Insofern ist für die Recherchen ein neuer Ansatz vonnöten. Offenbar handelt es sich bei dem Mann um einen Prominenten, aber keinen Adligen, denn er selbst trägt keine goldene Kette, dagegen seine Frau. Sie könnte aus einer adligen Familie stammen. Er trägt zum weißen, gefältelten Hemd einen rötlichen, gerafften Überrock und hat durch seinen Vollbart und gelocktes blondes Haar ein markantes Aussehen, das ihn ´verrät´. Es ist nämlich Moritz Buchner (ca. 1495 ─ 1544), ein offenbar sehr vermögender Patrizier aus Kulmbach bzw. Oberfranken. Auch in Nürnberg kommen Vertreter des Namens als Handelsherrn vor. »Als Höhepunkt des Bergbaus darf die Zeit vom 15. Jahrhundert bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts … angenommen werden« (Herbert Heinritz). Gerade zwischen Kulmbach und Bamberg war damals der Abbau von Metallen lohnend; ein Ort in dem Gebiet heißt sogar Goldkronach. So liegt es nahe anzunehmen, daß Moritz Buchner auch Kuxe von Goldbergwerken besaß, da er seine Frau mit einer derart schweren Goldkette behängen konnte. Bedauerlicherweise liegen wegen des Feuersturms von 1553 keine archivalischen Angaben über die Bürger vor und damit auch keine über seine Lebensumstände. Infolge des Fehlens biographischer Details von Moritz Buchner lassen sich bedauerlicherweise auch keine Motive für seine Stiftung ausmachen. vor allem für seine offenbar relativ frühzeitige Hinwendung zur Reformation schon um 1520.

05.18 Buchner-NEBLucas Cranach d. Ä.: Moritz Buchner.
The Minneapolis Institute of Art
Aber wie läßt sich beweisen, daß es sich hier tatsächlich um die Person Moritz Buchners handelt? Das gelingt nur, weil Lucas Cranach um die Zeit der Entstehung der sog. Johannespredigt Moritz Buchner und seine Frau auch einzeln porträtierte und bezeichnete. Demnach hieß sie Anna Lindacker (Friedländer/Rosenberg Nr. 128) – (s. Beitrag Cranach A. Lindacker). Auf diese Weise konnte Cranach sogar für den Auftrag des Altarbildes auf das Portrait (1520. Öl auf Holz 40,6 x 27,3 cm. The William Hood Donwoody, Fund Westtown, The Minneapolis Institute of Art. Friedländer/Rosenberg Nr. 127) ohne erneute Portraitsitzung zurückgreifen. Die Physiognomie des Moritz Buchner ist trotz unterschiedlichen Blickwinkels auffallend übereinstimmend. 1914 wurden beide Portraits des Paars von dem Banker William Hood Donwoody aus dem Kunsthandel erworben und dem Museum in Pennsylvania gestiftet.


Sollte Moritz Buchner diese Szene Johannespredigt bestellt haben, könnte ein Hinweis auf seine offizielle Funktion in Kulmbach darin stecken, nämlich daß er als Vertrauensmann der Stadtverwaltung mit dem Steuereinzug beauftragt war. Diese Personen waren zu allen Zeiten schlecht angesehen, weil sie daran gut verdienten. Die Obrigkeit suchte sich dazu Persönlichkeiten, von denen sie eine ehrliche Abrechnung erwarten konnte. Offenbar war Buchner gut beleumundet. Mit der Stiftung des Altarbildes könnte er versucht haben, sein Ansehen bei den Kirchgängern aufzubessern.

05.18-Buchner-NEB-IIPostumes Portrait von Moritz Buchner.
Der Stich ist offensichtlich nach dem
Cranach-Gemälde entstanden.
Österreichische Nationalbibliothek, Wien,
Bildarchiv und Grafiksammlung,
Porträtsammlung,
Inventar-Nr. PORT_00084270_
Ansonsten hat sich Moritz Buchner kaum in der Öffentlichkeit bemerkbar gemacht, denn selbst Georg Habich (Nr. 1595), der in seinem Katalog der Bildnismedaillen der Renaissance Moritz Buchner verzeichnet, gelang es nicht, biographische Daten über ihn auszumachen. Deshalb setzte er auch das Geburtsjahr fälschlich mit 1521 an; vielmehr scheint dieses Jahr das Hochzeitsjahr des Paares gewesen zu sein, denn auf der Bildnismedaille im Münzkabinett Dresden, Schnecksche Sammlung, die Habich als CLXXI,2 anführt, ist das Jahr 1521 verzeichnet. Leider kann diese Medaille selbst als Vergleich hier nicht reproduziert werden auf Grund der derzeitig eingeschränkten Bibliotheksbedingungen. Lockiger Haaransatz sowie Kinn- und Schnurrbart stimmen mit den beiden Portraits überein. Auf der Medaille von 1552 ist Buchner jedoch bereits ein Fünziger, sodaß aller Wahrscheinlichkeit nach der Stifter des Bildes 1490/95 geboren wurde.

Der Porträt-Index zeigt einen leider undatierten Stich von Moritz Buchner; dieses Portrait ist höchst wahrscheinlich nach dem Cranach-Portrait geschaffen worden, weswegen die Darstellung seitenverkehrt zum Original steht. Hier werden zwar rühmende Worte über Buchner mitgeteilt; es fehlt aber eine Vita; nicht einmal das Geburtsjahr wird erwähnt. Auch hier ist Buchner, elegant und würdig mit breitem Pelz gekleidet, an seinen Locken zu erkennen. Aus den wenigen Angaben geht aber hervor, daß der Stich dem gleichnamigen Sohn von Moritz Buchner gilt. Demnach hat man schon damals Vater und Sohn verwechselt. Ohnehin wäre die Problematik der beiden Moritz nur aufzulösen, wenn man von einem gleichnamigen Sohn bzw. einer zweiten Person namens Moritz Buchner aus dieser verzweigten Familie ausgeht.

© Christoph Wilhelmi, Stuttgart 2021

Literatur
Georg Habich: Die Deutschen Schaumünzen des XVI. Jahrhunderts. München 1932
Herbert Heinritz. In: Handbuch der bayerischen Geschichte. Bd. 3 München 2017

Bildnachweise
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 11.5.2020
Johannes Jahn: Lucas Cranach als Graphiker. Leipzig 1955 Tafel 83
www.graphikportal.org/gallery/encoded/eJzjYBKS4WJLzMmJT0kVYvPNL8osqZJidvRzUWIuycnWYhCShcuyJ5UmZ-SlFiFLAwDrwA_7 (22.11.,20)
lucascranach.org/US_MIA_57-11 (7.1.2021)
portraitindex.de/documents/obj/oai:baa.onb.at:7499780 (8.1.2021)