Erstveröffentlichung

Hans Baldung Grien
Jakob Spiegel


17.04-B-Grien-Spiegel 240

Selten reproduziert trat dieses zierliche, zu den frühen erhaltenen Portraits Baldungs zählende Werk unter dem Titel Bildnis eines Mannes vor der Rosenhecke erst 1953 durch die Monographie von Gert von der Osten in Erscheinung, fehlte aber auf der letzten großen Baldung-Schau 1959 in Karlsruhe, weil es sich damals in einer Privatsammlung in Indianapolis befand (Öl auf Nadelholz, 36 x 30 cm. ca. 1512). Kurt Löcher äußerte sich 1975 dazu und sah darin »einen Vorläufer zum Löwenstein-Bildnis«. Das trifft zu, führte aber nicht zur Identifikation des Dargestellten.

Dabei weist das Bild auch für Hans Baldung eine Besonderheit auf: Hinter dem Brustbild erscheinen in Schulterhöhe vor dem monochromen Hintergrund fünf Rosen als dekorativer Abschluß. Offenbar wußte man zu Baldungs Lebzeiten, welcher Rosenliebhaber am Oberrhein damit gemeint war. Doch fanden sich keine Hinweise oder Anekdoten, die etwas zur Aufklärung dieser Anspielung beitragen konnten.

Der Dargestellte erscheint unauffällig und introvertiert. Mit prüfendem Blick taxiert er den Betrachter. Auf seinem mittelblonden Pagenkopf trägt er ein eingeschnittenes Barett, jedoch fehlt jegliches Schmuckstück. Dennoch ist der Mann kein armer Scholar. Für einen Kleriker gibt es in der Ausstattung keinen Hinweis, ebenfalls nicht für einen Adligen. Stutzig macht jedoch, daß er über der linken Schulter eine Pelzstola trägt und der rechte Oberarm unter der dunklen Weste Brokat zeigt. Bei seinen rd. 32 Jahren verfügte er offenbar über einen gewissen Wohlstand, der sich auch am Kragen aus Pelz und einem edlen Hemd mit applizierten Ornamenten zeigt.

Dadurch rückt das Bild in die Nähe des etwas größeren Baldung-Portraits von Jacob Villinger von 1509, das ebenfalls kürzlich identifiziert wurde. Die übereinstimmende Gitterstruktur am jeweils sichtbaren Teil des Halses gibt zu denken. Der zeitliche Zusammenhang und dieselbe Kleidungsgestaltung könnten auf eine berufliche Gleichstellung deuten.

Nun ist bekannt, daß Baldung dem Kreis der Freiburger und Straßburger Humanisten eng verbunden war, in dem sich gerade jüngere Akademiker, die z. T. Poeten waren, zusammenfanden. Einer von diesen, der das hier passende Alter hat, ist Jakob Spiegel (*1483).

Spiegel war der Sohn eines Bäckers aus Schlettstadt (heute Sélestat) im Elsaß. Daß er durch Bildung aufsteigen konnte, verdankte er seiner Mutter Magdalene, Schwester des prominenten Humanisten Jakob Wimpfeling (1450─1528). Während er zur Lateinschule in Schlettstadt ging, wo er seine späteren akademischen Freunde kennenlernte, starb 1493 sein Vater. Daraufhin übergab die Witwe ihren begabten Sohn einem Onkel in Speyer, der bekannt für seine wertvolle Bibliothek war und bereit, für den Neffen zu sorgen. So konnte er 1497 an der Universität Heidelberg sich immatrikulieren. Er entschied sich für ein Jurastudium und machte bereits mit 17 Jahren seinen Baccalaureus. Damit begnügte er sich aber nicht, sondern setzte in Freiburg sein Studium fort d.h. er hörte dort die Vorlesungen der damaligen Kapazität Uldaricus Zasius (1461─1535). Schon um die Zeit muß er mit Jakob Villinger (s. Beitrag Baldung Grien, Jakob Villinger) eng befreundet gewesen sein, der bereits in der kaiserlichen Verwaltung im Elsaß als Sekretär tätig war. Villinger verschaffte Spiegel 1504 ebenfalls eine Anstellung dort.

Als Streit der Humanisten mit den Dominikanern über die Übersetzungen aus dem Hebräischen seitens Johann Reuchlin (1454/55─1522) 1510 ausbrach, zählt Spiegel zur Partei der weltoffenen Philologen. So wird er von dem Anführer der Verteidiger Reuchlins, Ulrich von Hutten (1488─1523), in dem persiflierenden Rhythmischen Gedicht von Magister Philippus Schlauraff namentlich genannt:

Da war auch Jakob Spiegel

der sprach: „Woher du Daubengigel?“

Aus Schwaben komme ich, wie du siehst“.

Da sagte er: „Du bist ein Biest“.

Der Clou an dem Pamphlet Huttens in den Briefen von Dunkelmännern ist, daß er die Rollen vertauscht d.h. seine Humanistenfreunde die Bösen sind.

Hier leuchtet ein, daß die beiden etwa gleich alten und ähnlich gekleideten Personen auch mit demselben Künstler, nämlich Hans Baldung Grien, befreundet waren. Ihre Stellung bot ein gutes Auskommen und mußte aus Statusgründen auch mit entsprechend erlesener Garderobe bestätigt werden. Um die Zeit bekamen Hofmaler z.B. von ihren Fürsten eine Hoftracht zugeteilt; so z. B. Matthias Grünewald.

Jakob Spiegel strebte nach rd. sieben Jahren die Fortsetzung seiner Ausbildung an und ging 1511/12 an die Tübinger Universität. Die Semester dort schloß er mit der Promotion beider Rechte ab. Wahrscheinlich durch kaiserliche Befürwortung bekam er im Jahr 1513 in Wien einen Lehrstuhl für Jura. So ist es denkbar, daß sich Spiegel anläßlich seines Karrieresprungs

porträtieren ließ, natürlich von seinem Freund, der schon seinen Freund Villinger gemalt hatte. Jedenfalls trat er mit diesen Titeln zugleich auch eine neue Stellung in der Staatskanzlei in Wien an, jetzt nicht nur als Kanzlist, sondern als kaiserlicher Sekretär. Dem Kaiser Maximilian I. blieb er treu bis zu dessen Tod 1519.

Bis die Kaiserneuwahl entschieden war, an deren Verlauf sein Freund Villinger Anteil hatte (s. Beitrag Baldung Grien, Villinger), zog sich Spiegel nach Schlettstadt zurück und nahm wieder Verbindung zur Humanistengruppe im Elsaß auf. Maximilians Enkel Karl jedoch übernahm ihn als Sekretär. Spiegel begleitete den inzwischen gewählten Kaiser Karl V. zum Reichstag in Worms 1521, auf dem sich Luther rechtfertigte. Spiegel war jedoch nicht nur amtlich tätig, sondern für ihn war es selbstverständlich, zwei befreundete Humanisten, nämlich den späteren Reformator Straßburgs, Martin Bucer (1491─1551) und den Wissenschaftler Otto Brunfels (ca.1488─1534) juristisch zu beraten, als sie jeweils über den päpstlichen Nuntius, Girolamo Aleander (1480─1542) die Erlaubnis des Vatikans einholen wollten, aus dem Orden auszutreten. Für beide konnte Spiegel die Gewährung erreichen. Dabei wählte er unterschiedliche Vorgehensweisen. Außerdem stand er dem wegen Häresie angeklagten Johann von Botzheim ( 1535) juristisch bei.

Schon frühzeitig hatte Spiegel Verbindung zu Erasmus von Rotterdam (1466/69─1536) aufgenommen, der von der Humanisten-Gruppe 1515 nach Straßburg eingeladen wurde (s. Beitrag Baldung Grien, Vogler). Ende 1518 setzte sich Erasmus beim Bruder des Kaisers, Erzherzog Ferdinand (1503─1564) mit einer Empfehlung für Spiegel ein. Dieser brauchte die Verbindung, um für seinen Verleger Froben in Basel, mit dem auch Erasmus zusammenarbeitete, ein Privileg in Österreich zu erreichen. Spiegels Hauptwerk war das Lexicon iuris cicilis, das 1538 bei dem Verleger Schott in Straßburg erschien und häufig nachgedruckt wurde. Etwa zehn Jahre später starb er 1547. Ob er tatsächlich Rosenliebhaber war, läßt sich aus dem noch zugänglichen Material nicht entnehmen. Seine Tätigkeit bei der damaligen Staatsverwaltung macht die Identität jedoch verläßlich. Außerdem erweisen sich beide frühen Portraits damit als Freundschaftsbilder.

© Christoph Wilhelmi, Stuttgart 2015


Literatur
Melchior Adam: Vitae Germanorum philosophorum. Frankfurt/Main 1615
Briefe von Dunkelmännern. Berlin 1964 S. 237

Miriam U. Chrisman. In: Contemporary of Erasmus. Toronto/ Buffalo/London 2005
Gert van der Osten: Hans Baldung Grien. Berlin 1983 S.87

Bildnachweis
Gert van der Osten: Hans Baldung Grien. Berlin 1983 S.87