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Christoph Wilhelmi

Der verstreute Portraitzyklus eines hochrangigen italienischen Renaissance-Hofes

Im Hinterland des Gardasees befindet sich der kleine Ort S. Martino Gusnago mit nur 125 Häusern. Er taucht in keinem Kunstführer auf, obwohl über 20 bemerkenswerte Renaissance-Portraits einst dort hingen. Wesentliche Teile dieser Tafelbilder sind heute in bedeutenden Museen eingelagert, nämlich dem Metropolitan Museum of Art in New York (Nr. 05.2.1-12) und im Victoria & Albert Museum in London. Einige weitere sind im Besitz von Privatsammlern. Daß dieses Kulturgut zu den vergessenen Schätzen der Renaissance gehört, liegt wohl daran, daß der Urheber dieser Tafeln bislang nicht ermittelt werden konnte. W. Suida zog 1953 Bramante bzw. Bramantino (ca.1456─1530) in Betracht. Letzterer war in Mailand tätig, dem angrenzenden Herzogtum und weist in seinen Gemälden überaus exakt und unterkühlt gemalte Architektur auf. In New York behilft man sich noch mit der Bezeichnung Lombardischer Maler. Offenbar wurde kein Versuch unternommen, die in diesem Bilderzyklus dargestellte illustre Gesellschaft aufzuklären; von dem abgelegenen Ort erwartete man wohl kein lohnendes Ergebnis.

Die Tafeln/Panele in New York haben heutzutage alle ein quadratisches Format von 45,7 x 46,4 cm (für die Tafeln im Victoria & Albert Museum wird merkwürdigerweise generell das Maß 35 x 35 cm angegeben, obwohl einige rechteckige Bilder dabei sind). Miteinander waren sie offenbar Bestandteil einer Wanddekoration in dem Festsaal des einzigen Palastes (V&A vermutet jedoch im studiolo) am Ort, dem Palazzo Secco Pastore.

Wie die Reihung der Portraits ursprünglich vorgenommen wurde, ist nicht bekannt. Am Wahrscheinlichsten ist ein ablaufendes Band in Augenhöhe, das einschließlich der nicht mehr vorhandenen Bilderrahmen mindestens 20 Meter lang war. Obwohl unter den 12 New Yorker Portraits vier Frauen auftreten, scheinen die Köpfe nicht paarweise angelegt worden zu sein, da nur ein Drittel der Porträtierten Frauen sind.

01--585-Palazzo-Secco-Pastore-S.-Martino-Gusnago Palazzo Secco Pastore, S. Martino Gusnago

















Palazzo Secco Pastore
(der Name stammt aus dem 18. Jahrhundert) dient heute dem Tourismus. Die übergeordnete Gemeinde Ceresara bezeichnet ihn als ´charakteristische Residenz der Gonzagas´. In der Tat gehörte das Gebiet zum nördlichsten Bereich der Markgrafschaft Gonzaga in Mantua. Als Architekt des Gebäudes wird der aus einer Künstlerfamilie hervorgegangene Architekt Luca Fancelli (1430 Florenz─1495) angegeben, neuerdings allerdings auch Giulio Romano, der vielfach für die Gonzagas gebaut hat.

Mit der Markgrafenfamilie Gonzaga verbindet sich die Vorstellung von Kunstliebhabern. Diese Ambition trat nicht erst mit der Einheirat von Isabella‘Este 1494 auf. Auf diese Voraussetzung wies Martin Warnke in seiner Publikation Der Hofkünstler hin: »Wenn Gianfrancesco Gonzaga im Jahr 1420 ein Dekret verkündete, worin jedem Künstler, der sich in Mantua niederklasse, eine feste Provísion für 5 Jahre zugesichert wird, so signalisierte das die Notwendigkeit, im Zuge einer repräsentativen Kulturpolitik auch die Formen fester Bindung von Künstlern an den Hof auszubilden«.

02--585-vorbildNordwand des studiolo von Federico da Montefeltro in Urbino. 1473/77
















Justus van Gent und Petrus Hispanus: Gelehrte und Kirchenlehrer. Nordwand des studiolo von Federico da Montefeltro in Urbino. 1473/77
Schon länger wurde vermutet, daß der Hof von Mantua möglicherweise über eine Galerie berühmter Männer, sog. viri illustri, verfügt habe. In Italien waren eines Teils Bilder der Regenten, also eine Art Ahnengalerie, üblich, anderen Teils Sammlungen von Geistesheroen d.h. Philosophen, Literaten u.a., die man verehrte. Die Popularisierung der Wissenschaften in der Renaissance führte dazu, daß man deren Vertreter wie Vorfahren bildlich um sich haben wollte. Das galt besonders, »wenn sie für Verdienste am Staat, hervorragende Leistungen im Krieg und Frieden, in den Künsten oder anderen Tätigkeiten berühmt gewesen sind« (Giorgio Vasari).

Leider ist der in Mantua über Generationen gesammelte Bilderreichtum auseinandergerissen worden, als ab 1600 aus finanziellem Druck ein Ausverkauf stattfand. Zwar handelt es sich in dem Bilderzyklus von Gusnago nicht um Berühmtheiten, und Frauen und Männer treten darin gemischt auf; aber der Gedanke, Freundschaftsbilder um sich zu versammeln, wurde hier erstaunlich konsequent verwirklicht und zwar durch einen Maler, der sonst anscheinend nicht für die Gonzagas gearbeitet hat.

Später griff Vespasiano Gonzaga die Idee einer Galerie von Berühmtheiten auf, baute in seiner kleinen Residenz in Sabbioneta ein Galeriegebäude, dessen Sammlung durch die fehlende Nachfolge zerstreut wurde und das heute leer steht, sodaß es das gedachte Konzept nicht mehr präsentieren kann. Insofern wäre die Aufschlüsselung der Sammlung von Gusnago lohnend und singulär. Aber so, wie derzeit die Dinge stehen, sind nur Annäherungen und Mutmaßungen möglich. Eine Vorstellung davon, wie eine solche Galerie der viri illustri dargeboten wurde, hat der Besucher der Uffizien in Florenz, wenn er die Flure aufsucht, in denen ─ allerdings drittrangige ─ Portraits früherer Geistesgrößen versammelt sind. Sie hatten die Funktion von Lehrtafeln und sind deshalb auch zumeist mit den Namen der Dargestellten versehen.

Etwas früher beginnend bildete sich in Italien in der Hochrenaissance die Bildnismedaille nach dem Vorbild der antiken Münzen heraus. Ähnlich wie in Gusnago wurden darauf nur Büsten bzw. Brustbilder verwendet. Margaret Daly Davies (S. 372) ermittelte die nach antikem Vorbild häufig vorkommenden Personen: »Vier Kategorien von uomini illustri wurden bislang … festgestellt: Feldherrn, Könige, Historiker, Dichter und weitere vorgeschlagen: Philosophen, Oratoren, Staatsmänner, Grammatiker«.

Es waren und sind gesuchte und geschätzte Erinnerungsstücke, welche vor allem die Humanisten untereinander oft zur Freundschaftsbezeugung ─ austauschten. So ließ z.B. Erasmus von Rotterdam hochgestellten Persönlichkeiten wie dem polnischen Kanzler sein Bildnis zukommen und wurde vom Adressaten beschenkt. Entsprechend verfuhren die Fürsten untereinander. Die Gonzagas machten von dieser Geste vielfach Gebrauch, wobei z.B. Francesco II. Gonzaga auf der Rückseite eine von ihm gewonnene Schlacht darstellen ließ (s. Wilhelmi: Porträts der Renaissance S. 45).

Doch zurück zur Portraitfolge von Gusnago. Von dem noch erhaltenen Bilderbestand der Galerie geht offensichtlich eine andere Tendenz aus, jedenfalls nicht die Betonung der Vorfahren und keine Präsentation von Kriegshelden. Dabei war der damalige Besitzer des Hauses ein condottiere. Es ist sogar Anlaß zu vermuten, daß Francesco Secco (1423 ─ 1486) nicht der Initiator der Bilderfolge war, denn bei seinem Auszug aus dem Hause war er nur auf verkaufsfähiges Inventar aus: Gobelins, Teppiche, Silbergeschirr etc. Die Bilderfolge ignorierte er, sodaß sie bis ca. 1921 am Ursprungsort blieb. Daraus läßt sich folgern, daß die Galerie inhaltlich nur ortsgebundene Bedeutung hatte. Es scheint sich um eine jugendliche Hofgesellschaft zu handeln, die Jahre nach der Hochzeit von Caterina Gonzaga (ca. 1434 ─ ca. 1495) mit Francesco Secco zerstoben war.

Obwohl die Köpfe durch die Profildarstellung zwar streng gestaltet sind, wirken sie nicht schematisch und wegen der hinzugefügten unterschiedlichen Details keineswegs schablonenhaft. So kann man annehmen, daß es sich bei den Personen um Teilnehmer einer kulturinteressierten Gesellschaft handelt.

03--585-Palazzo-Secco-Pastore-S.-Martino-Gusnago-StraßenfrontPalazzo Secco Pastore S.Martino Gusnago Straßenfront



















Zu der Zeit, als die Portraits entstanden, war der Besitzer des Palazzo Secco Pastore offenbar der condottiere Francesco Secco, späterer Conte di Calcio. Dieser kam 1440 zur Ausbildung an den Hof von Mantua und heiratete 1451 Caterina Gonzaga, die natürliche Tochter von Luigi il Turco (1412─1478). So kann man annehmen, daß der Wohnsitz in Gusnago als eine Art Mitgift für Caterina gedacht war. Doch Secco hielt sich durch seinen ´Beruf´ als condottiere wenig dort auf, sondern ging seinen militärischen Aufgaben nach. So war er 1464/65 für Francesco Sforza in Mailand engagiert und danach für König Ferrante von Neapel, der ihm großzügigerweise erlaubte, seinem Namen ehrenhalber d’Aragona hinzuzufügen.

In der Zeit kämpfte Ferrante gegen einige Rebellen im Königreich Neapel um Giovanni d’Angio (Anjou), dessen Familie früher dort regiert hatte. Zusammen mit Sforza wurde Secco 1477 zu dessen Hochzeit nach Neapel eingeladen sowie 1480 zur Hochzeit von Francesco Gonzaga und Isabella d’Este. 1481 betätigte er sich als Ehestifter zwischen Gilbert de Bourbon und Clara Gonzaga (s. Beitrag Bartolomeo Veneto, Charles de Bourbon). 1484 war Secco liiert mit Ludovico Gonzaga, der wahrscheinlich den Auftrag für den Bau des Palazzo Secco Pastore erteilte.

In den nachfolgenden Jahren gab es offenbar ein Zerwürfnis zwischen den Familien Gonzaga und Secco, denn Secco räumte Gobelins, Brokatvorhänge (?), Silbersachen und Perserteppiche in Gusnago aus. Da Gemälde nicht genannt werden, kann man daraus schließen, daß diese in die Wandvertäfelung eingelassen waren wie z.B. in Urbino. Sie wurden wohl erst aus dem Palast entfernt, als sie um 1921 auf dem Kunstmarkt zu Geld gemacht werden sollten.

Eines der beiden großen Museen, das Victoria & Albert, erwähnt in seinem Internetbeitrag als weitere Eigentümer Federico Zeri, Mentana, der 1986 über die Panele veröffentlichte, von denen er zwei selbst besitzt, das Fine Arts Centre im Rollings College mit 2 Tafeln, 5 im Eigentum von Vittorio Frascione, Florenz, 2 in der Sammlung W.B. Chamberlain (als Kauf bei Christie’s 1938), 4 im Besitz der Henry Harris Collection (als Kauf bei Sotheby’s 1941), 3 bei Georges Petit, Paris, 1921 und 3 in der Galerie Charpentier, Paris 1952 sowie 12 Panele in unbekanntem Privatbesitz.

Daraus ergeben sich weit mehr, nämlich 61Tafeln, so daß die Frage auftaucht, wie diese Anzahl in einem studiolo montiert gewesen sein soll. Eine weitere Ungereimtheit sind die im V&A-Beitrag genannten Formate von 35 x 35 cm, die weder kompatibel sind mit den in New York befindlichen Bestand, noch mit den nicht quadratischen Tafeln, die V&A in einer kleinen Auswahl ins Internet gestellt hat. 12 der Tafeln erwarb das Metropolitan Museum 1905 und nahm sie in ihren Katalog auf.

Dreiviertel der Köpfe im Metropolitan sind junge Menschen d.h. sie sind im zweiten Jahrzehnt ihres Lebens dargestellt. Von den wenigen Älteren fällt Bild 05.2.7 als untersetzter Vierziger auf. Mit dieser etwas massigen Gestalt könnte der damalige Chef des Hauses Gonzaga (Mantua), Gianfrancesco Gonzaga (+ 1494) gemeint sein. Des Weiteren scheint Bild 05.2.11 einen Dogen darzustellen, da aus der perlenbesetzten Kopfbedeckung eine phrygische Mütze hervorragt. Vergleicht man sein Profil mit den Dogen-Portraits der Zeit, kommt am ehesten der Doge Niccolò Marcello infrage, dessen Amtszeit die Jahre 1473/74 umfaßte. Bis auf das etwas magere Kinn ist jedoch eine Ähnlichkeit zu dem Tizian-Portrait des Dogen gegeben.

04--Andrea-Mantegna--Ludovico III.-Gonzaga.-il-TurcoAndrea_Mantegna: Ludovico III Gonzaga.
Ausschnitt aus dem Wandgemälde in der camera dei sposi im Palazzo Ducale, Mantua
Sollte diese Annahme zutreffen, ist damit ein wichtiges Indiz für die Datierung der Portraitsequenz insgesamt gegeben, die jedoch von den Museen bisher nicht riskiert wurde. Immerhin spricht einiges ─ vor allem stilistisch ─ für die 70er Jahre des 15. Jahrhunderts. So war Ludovico Gonzaga bzw. Luigi il Turco (1444─1478 Chef des Hauses) und könnte mit Bild 05.2.7. dargestellt sein. Dafür spricht sein Stiernacken und seine turbanähnliche Kopfbedeckung. Er ist in seiner Fülle treffend auf dem Fresco in der Camera degli Sposi dargestellt.


Auf zwei der New Yorker Tafeln tragen die dunklen Barette über dem linken Ohr Impresen d.h. Plaketten, denen ein individuelle Gestalt gegeben ist. Bei der Nr. 05.2.6 handelt es sich um eine ornamental gestaltete Plakette (anscheinend eine Kreuzschleife). Bei der Nr. 05.2.10 sind zwei Initialen, nämlich RE, deutlich zu erkennen. In beiden Fällen handelt es sich um recht jugendliche Köpfe mit schulterlangen blonden Haaren und ähnlichem Profil. Leider ließen sich die Initialen nicht auflösen, zumal sie nicht dem Haus Este zuzuordnen waren.

05--585-sw-gruppe-Unbekannter Künstler: 12 Tafeln einer Hofgesellschaft in Gusnago.Metropolitan Museum, New York




































Daß alle zwölf Portraits aus New York oben in der Nische ein Feston aufweisen, läßt den Gedanken aufkommen, daß die Personen sich bei einem Fest ─ sei es einem Konzert oder einer literarischen Darbietung ─ ausgezeichnet haben. Immerhin zwei von den zwölf (05.2.2 und 05.2.12) weichen von dem klaren Profil ab und wenden ihren Kopf ein wenig; Nr. 05.2.2 blickt sinnend nach oben. Die Gestik weckt die Vermutung, daß es jungen Poeten waren, die sich vor der Hofgesellschaft erfolgreich produziert hatten.

Da für Oberitalien damals historisierende Schauspiele bei Hofe bekannt sind (z.B. in Mantua), könnte in der porträtierten Gesellschaft das Ensemble zu einem Schauspiel wiedergegeben sein, das in dem Festsaal stattfand, in dem die Figur des tragisch in Bologna endende Kaisersohn Re Enzio eine Rolle gespielt hat. Dafür hätte dann der Schauspieler des Enzio sich die Initialen an sein Barett geheftet. Über die langen blonden Haare, die Enzio auszeichneten, verfügt die abgebildete Person jedenfalls. 07--052.10Unbekannter Künstler: Re Enzio?
Tableau Nr. 05.2.10
Außerdem waren die derzeitigen Könige von Neapel Gegner der Anjou, welche die Staufer seinerzeit vertrieben hatten.


Die Kopfbedeckungen der New Yorker Bilder sind insgesamt sehr abwechslungsreich. Vier Männer tragen ein Barett; drei von ihnen ein dunkles. Eine Tafel in London zeigt sogar einen breitrandigen Hut, wie aus dem 20.Jahrhundert. Zwei Männer haben eine Art Turban auf, ohne Merkmale von Orientalen zu tragen. Ein Mann und eine Frau tragen Stirnbinden; eine Frau (Nr. 05.2.9) auf dunklem Haar einen kompliziert angelegten Schmuck, als ob es sich um eine Art Diadem handelte. Sie fällt des Weiteren auf durch drei dunkle Liebesknoten an ihrem Oberteil. So läßt sich die Vermutung äußern, daß sich möglicherweise die illustre Gesellschaft zu einer Hochzeit versammelt hat. Dann müßten die Tafeln schon auf 1451 datiert werden und lägen erheblich vor den Mantegna-Fresken in der Camera degli Sposi in Mantua.

Schließlich wird auf dem Bild 05.2.11 ein Doge abgebildet (unten Mitte). Von der Zeit her kommt für das Portrait nur der Doge Niccolò Marcello infrage; der regierte 1473/74. Sein Abbild ist dem von Tizian gemalten Portrait ähnlich bis auf das magere Kinn. Aus dem Vorgang ist zu schließen, daß die Gonzagas zu dem Fest auch befreundete Regenten der Nachbarstaaten eingeladen hatten.

So schält sich allmählich heraus, daß die durch die Portraits versammelte Gesellschaft entweder mit einem familiären Ereignis bei den Gonzagas in Verbindung zu bringen ist, oder es aus Anlaß eines kulturell verbrämten Staatsbesuchs stattgefunden hat. Insofern besteht auch die Möglichkeit, daß z.B. die jugendlich kecken beiden jungen Männer (Bild 05.2.2 und 05.2.,12) eingeladene Poeten waren, also nicht unbedingt Vertreter des Adels, die bei diesem Fest aus ihren Werken vorgetragen haben. Dafür kommt u.a. Pietro Iacopo de Iennaro (1436 ─ 1508) infrage, der am Hof von Neapel mitwirkte; er hielt sich nachweislich ab 1472 in Venedig auf. Da von den Poeten als Bürgerliche sehr viel seltener Portraits angefertigt wurden, besteht leider nicht die Möglichkeit eines Vergleichsbilds. Um die Zeit wurden ohnehin nicht so viele Persönlichkeiten bildlich festgehalten wie im 16. Jahrhundert.

08--UK-Ferrante-I-von-Neapel.-Louvre-ParisDonmebico Gagnini:
Ferrante d’Aragon. Louvre, Paris
An den Portraits fällt zudem auf, daß bei zwei Damen (Bild 05.2.1 und 05.2.9) die Garderobe sehr betont mit Schleifen dekoriert ist; es sind sog. Liebesknoten (s. Wilhelmi, Porträts der Renaissance S. 26/27) d.h. sie waren als Braut einem Partner versprochen. Welchem von den Porträtierten läßt sich leider nicht ermitteln, da die Abfolge des Zyklus bei der Auflösung verloren ging. Da die zweite Frau eine Art Diadem trägt (Tableau Mitte rechts), jedenfalls einen sehr filigranen Schmuck, kommt sie in Betracht, die neue, hochverehrte  Königin von Neapel zu sein: Giovanna Aragona (1454 ─ 1517). König Ferrante war mit ihr als seiner zweiten Frau seit 1476 verheiratet.


Die Hochzeit von Francesco Secco mit Caterina Gonzaga fand bereits 1451 statt; sie kann nicht die Gesellschaft zusammengeführt haben. Daher ist zu vermuten, daß sich möglicherweise die illustre Gesellschaft zu einem Staatsbesuch oder einer anderen Hochzeit zwischen 1472/77 versammelt hat. 09--052.4Unbekannter Künstler: Ferrante d'Aragona? Tableau Nr. 05.2.4Üblicherweise wurden aus diesem Anlaß Reiterspiele, musikalische Darbietungen und vor allem Festessen geboten. Bei den musikalischen Partien handelte es sich vorwiegend um Lieder, deren Texte Poeten lieferten. Mit diesen umgab man sich bei Hofe gern, wie das Beispiel Torquato Tasso zeigt.

Die Tempera-Tafeln befinden sich heute im Victoria & Albert Museum, London

Das farbig wiedergegebene Panel 0112567 aus dem Victoria & Albert Museum, London, zeigt einen jungen Mann mit schulterlangem Haar. Es könnte ein Portrait von Ferrantes Sohn Federico d’Aragona (1451 ─ 1504) sein, der um die Zeit ein junger Mann um die zwanzig war. Die Initialen am Barett werfen die Frage auf: 10--O112567RAvermutlicher-Sohn-Ferrantes-ragazzo-AragonaUmnbekannter Künstletr: Vermutlicher Sohn Ferrantes: Federico
(ragazzo Aragona?)
Bedeuten sie vielleicht ragazzo Aragona? Sein Gewand trägt ebenfalls Liebesknoten.


Nur eine einzige Person auf den erhaltenen Tafeln erscheint als Krieger mit Helm (0112560). Er zieht die Aufmerksamkeit auf sich und scheint ein prominentes Mitglied der Festgesellschaft gewesen zu sein. Ist dieser etwa der Condottiere Francesco Secco in jungen Jahren? Nach der vermuteten Datierung müßte er allerdings bereits um 50 Jahre alt gewesen sein.

Jetzt nach über hundert Jahren wäre es an der Zeit, daß die verantwortlichen Museen und Privatbesitzer eine zeitweilige Zusammenführung der verstreuten Tafeln ermöglichen, um den Bilderzyklus ins öffentliche Bewußtsein zu rücken. So könnte durch ein Colloquium die weitere Aufarbeitung des Komplexes vorangetrieben werden, von dem Kook 1905 so treffend festschrieb: »Such grace and refinement, such delicately restrained characterization, are found only in the great masters of the 11--O112560Francesco-SeccoUnbekanner Künstler:Francesco-Secco?period«.

Literatur
condottieridiventura.it/francesco-secco (16.1.2020)
Margaret Daly Davis: Die Renaissance-Medaille in Italien und Deutschland
A.J. Koop. The Burlington Magazine. London 1905 (m.vam.ac.uk/collections/item/0112556)
Jan Lauts/Irmlind Luise Herzner: Federico da Montefeltro. Berlin 2001
Rolf Legler: Der Golf von Neapel. Cologne 1995
Christof Thoenes a.o. In: Reclams Kunstführer: Neapel. Stuttgart 1983
Martin Warnke: Der Hofkünstler. Cologne 1996, p. 42
Christoph Wilhelmi: Barett·Plakette·Devise·Imprese in: www.renaissance-port.de (s. Essay)
dto. Porträts der Renaissance ─ Hintergründe und Schicksale. Berlin 2011

Bildnachweise
http://www.comune.ceresara.mn.it/index.php?option=com_content&%20view=article&%20id=195:palazzo-secco-pastore&%20catid=58&%20Itemid=127 (6.1.2020)
wikipedia.org/wiki/Ludovico_III_Gonzaga,_Marquis_of_Mantua#/media/File:Andrea_Mantegna_057.jpg (22.2.2020)
Federico Zeri: Italian Paintings of the Metropolitan Museum. New York, 1986, p. 103
Medieval & Renaissance, Room 64, The Wolfson Gallery (14.1.2020)
http://m.vam.ac.uk/item/O112556/male-profile-bust-tempera-on-spruce-unknown/ (14.1.2020)
https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/d/dc/Ferdinando_I_Napoli.JPG (18.1.2020)
http://collections.vam.ac.uk/item/O112556/male-profile-bust-tempera-on-spruce-unknown/ (14.1.2020)

585-dreilinks möglicherweise Loise de Rosa, maestro de casa bei Hofe;