Erstveröffentlichung

Hans Mielich

Sebastian Hoechstetter


08.03 Hoech 240Die Pinacoteca Ambrosiana in Mailand (Nr. 64) verwahrt ein Hans Mielich (1516─1573) zugeschriebenes Bildnis eines 42jährigen Mannes (Ritratto d’uomo con bicchiere. Öl auf Holz, 71 x 51 cm. 1548), das trotz eines klaren Altersvermerks sich bisher nicht identifizieren ließ. Breite und Höhe der Fläche fast ganz füllend präsentiert sich ein bärtiger Patrizier ohne Barett mit einem breiten braunen Pelz von einem Baummarder. Er trägt einen schwarzen Überrock und ein fein plissiertes Hemd. Der Maler hat ihn vor einem belaubten Baumstamm positioniert, an dem ein cartiglio befestigt ist. Auf dem leicht gewellten Blatt Papier steht

ANNO · D · XLVIII
AETATIS SVE XLII

Daraus ergibt sich nicht nur das Entstehungsjahr 1548, sondern auch der Jahrgang des Dargestellten: 1506.
Vergleichbar dem damals beliebten Fensterausblick schaut der Betrachter links oben in eine Waldlandschaft mit Lichtung, auf der ein kleines Gehöft steht, zu dem sich ein Weg schlängelt. Vor dem Gebäude reden zwei Personen miteinander, anscheinend Männer, welche in eine verbale Auseinandersetzung verwickelt sind. Der Linke ist in einen hellblauen Rock gekleidet und scheint eine schwarze Tasche vor sich zu tragen, während der Rechte in hellbrauner Rüstung (?) sich vorbeugt und mit ausgreifendem rechtem Arm auf sein Gegenüber einredet. Ein Stück Lebenserinnerung des Porträtierten, oder eine Erfindung des Malers zur Bereicherung des insgesamt düsteren Hintergrunds? Ebenfalls denkbar ist die Szene als Dialog eines fragenden Reisenden (links) mit einem erregten Landbewohner.

Der Oberkörper des Dargestellten in Braun-Schwarz verdunkelt die untere Hälfte des Bildes. Dadurch leuchten beide Hände umso stärker hervor und sollen offenbar betonen, daß der 42jährige sowohl ein tätiger (oder genießender) Mann, als auch ein vermögender Mann ist. Das bestätigen die zwei wertvollen Ringe an seiner linken Hand. Der kleinere faßt einen bernsteinfarbenen Stein; der größere einen ovalen Wappenring mit rotem Grund, auf dem ein Wappen mit üppiger Helmzier angedeutet ist, aber nicht recht erkennbar wird. Jedenfalls führt diese Spur nicht weiter.

Immerhin läßt sich aus den Hinweisen schliessen, daß es sich nicht um einen Adligen handelt, denn er trägt weder eine goldene Kette, noch ein Schwert. Der Wappenring könnte aber in Richtung auf einen Patrizier aus einem der großen Handelshäuser weisen, der ─ ähnlich wie die Fugger (vgl. Beitrag Holbein d. Ä.: Sebastian Anndorfer) ─ sich Grundbesitz zugelegt hatte und nach dem eigenen Dorf nennen durfte.

Dieser Patrizier weist mit dem kleinen Finger der linken Hand auf ein Schmuckstück aus Gold hin, das vermutlich an einem schwarzen Band vor dem Bauch zu hängen kam. Die figürliche Szene läßt sich nicht eindeutig klären. Unterhalb einer kleinen Riechkugel lagert ein Paar ohne Kleider auf einer Art Schlitten. Ob es ein erotisches Motiv, oder eine mythologische Anspielung auf Götter der Antike sein soll, bleibt unklar. Damit wollte er wohl neben dem Reichtum auch seinen Kunstsinn dokumentieren.

Mit spitzen Fingern hält der Mann ein farbloses, edles Kelchglas, gefüllt mit einem getönten Getränk (Tokayer oder Marsala?). Er hält das durchsichtige Glas einerseits unauffällig, andererseits von der Geste her sehr betont, so daß zu vermuten ist, daß es mit seiner Profession in Zusammenhang steht. Dabei eröffnen sich drei Möglichkeiten:
Das Glas weist ihn als Weinhändler bzw. –importeur aus.
Das edle Glas ist ein Produkt seiner Glashütte. Allem Anschein nach ist das Kelchglas eine Nachbildung venezianischer Vorbilder. »In Deutschland wurden ab dem 2. Viertel des 16. Jahrhunderts ´venezianische Hütten´ angelegt«, heißt es in Gläser des 16. bis 19.Jahrhunderts S. 49. Doch leider kommt in diesem Zusammenhang Bayern nicht vor, möglicherweise deshalb, weil offenbar von den dortigen Arbeiten nichts erhalten blieb außer dem gemalten Exemplar des hier diskutierten Portraits.

In der Tat »begaben sich seit dem Beginn des 16.Jahrhunderts zahlreiche venezianische Glasmacher in fremde Dienste und waren im Ausland bei der Nachahmung des venezianischen Glases behilflich… Es entstanden oft so getreue Nachahmungen von Glas à la façon de Venice, daß man bei einigen von ihnen nur schwer entscheiden kann, ob sie aus Venedig oder dem Ausland stammen« (Das Große Bilderlexikon der Antiquitäten S. 130).

Der berühmte Medailleur Friedrich Hagenauer (1490/1500─nach 1546) arbeitete in München und Augsburg. Dort fertigte er von Wolfgang Vitl (1495─1540), einem Augsburger Patrizier in der Gunst der Fugger, eine Portraitmedaille an. Dieser hatte als Unternehmer in Hall/Tirol 1534 eine Glashütte eingerichtet, zu der er Spezialisten aus Murano abgeworben hatte. Einer der Glasbläser war auf Trinkgläser spezialisiert. Bei diesem Unternehmen wurde Vitl von Ferdinand von Österreich unterstützt. Doch die Glashütte wurde 1539 wieder stillgelegt.

Schon damals gab es im Geldgeschäft Personen, die Fonds bildeten. Zunächst waren nur große Beteiligungen erwünscht. Zu ihnen gehörten die Hoechstetter (auch Hechstetter). Sie waren aus der Weberzunft hervorgegangene Zunftmannen, ab 1486 in Antwerpen vertreten (Hans Höchstetter ließ sich von einem niederrheinischen Meister im Museum Boymans-van Beuningen, Rotterdam, porträtieren) und an Handelsflotten nach Venedig und Haiti beteiligt waren. Später »dagegen boten sie selbst kleine Einlagepapiere zu 10 fl. an, die Handwerker und Bedienstete kaufen konnten« (Andreas Kraus S. 565). Mit dem Kapital investierten sie in »die Quecksilbergruben von Almaden; oder die Zinn- und Quecksilberausbeute von Idria, nördlich von Triest, die Herzog Ferdinand 1525 den Höchstettern zusprach« (Kraus S. 551).

Zu dieser Familie gehörte auch Sebastian Hoechstetter (*1506). Er übernahm die Installationen der Haller Glashütte und führte sie fort. Trotz seiner wirtschaftlichen Potenz sind leider keine Lebensdaten von ihm überliefert. »The nature of Breu’s activity in the production of glass can best be studied through series he created a few years later for the wealthy merchant Höchstetter family in Augsburg« (Morrall S. 56). Jörg Breu lieferte u.a. kreisrunde Monatsbilder, die noch erhalten sind, als Risse für die Glasproduktion der Hoechstetter in Augsburg (Morrall S. 218).

Der Medailleur Hagenauer hat nur einen Bildnismedaille seines Bruders Ambrosius ( 1551) verfertigt. Über ihn ist zu erfahren: »…der reich skulptierte Eckerker des repräsentativen Wohn- und Handelshauses der Höchstetter am Kesselmarkt…« zeugt vom Repräsentationsbedürfnis der Familie, »die bald zu den reichsten Kaufleuten zählte« (Brigitte Sölch). Er sicherte sich z.B. vom portugiesischen König vertraglich das Monopol des Messingexports nach Amerika. Als Albrecht Dürer in die Niederlande reiste, traf er sich mit Ambrosius Höchstetter zum Essen und tauschte mit ihm Geschenke aus. Es paßt also ins Bild, daß sich hier Sebastian Hoechstetter von Mielich porträtieren ließ. Für einen Portraitauftrag spricht indirekt, daß ein naher Verwandter, Hans Hoechstetter (*ca. 1497), wegen des Zusammenbruchs seines Handelshauses 1529 in den Turm kam. Dieser ließ sich vordem von Thoman Burgkmair (ca.1444─1523) porträtieren (Museum Boymans-van Beuningen, Rotterdam). Daraus läßt sich in der Familie Hoechstetter eine Affinität zur Malerei folgern, zumal auch Jörg Breu d. Ä. (ca. 1475─1537) als Glasdesigner für die Familie tätig war, indem er Monatsbilder als Vorlagen schuf (Morrall S. 99 und 218).

Sebastian Hoechstetter operierte mit der Glasproduktion geschickter. Das gab ihm ein offenbar starkes Selbstbewußtsein, welches er durch das Gemälde nach außen dokumentieren wollte, vielleicht sogar demonstrativ, um sich von dem insolventen Verwandten positiv abzusetzen. Für einen direkten Nachweis fehlen zwar urkundliche Unterlagen; aber die Zusammenhänge legen die Hypothese nahe, daß sich im vorliegenden Gemälde Sebastian Hoechstetter präsentiert. Weiterreichende Recherchen waren leider nicht möglich, da das Stadtarchiv Augsburg 2014/15 wegen Umzugs geschlossen war. Daß Mielich nicht nur für Münchner arbeitete, sondern auch für Augsburger Auftraggeber, belegt der Beitrag Mielich, Hieronymus Nopp.

© Christoph Wilhelmi, Stuttgart 2020

Literatur
Gläser des 16. Bis 19. Jahrhunderts. Petersberg 2013
Das Große Bilderlexikon der Antiquitäten. Dresden 1968
Lisa Jardine: Der Glanz der Renaissance. München 1996
Andreas Kraus. In: Handbuch der Bayrischen Geschichte. III, 2 Geschichte Schwabens. München 2001
Andrew Morrall: Jörg Breu the Elder. Hants/UK 2001
La Pinacoteca Ambrosiana. Milano (?) 1969
Brigitte Sölch. In: Humanismus und Renaissance in Augsburg. Berlin 2010 S. 518
Wolfgang Werner Soukup: Chemie in Österreich. Wien u.a. 2007 S. 84

Bildnachweis
La Pinacoteca Ambrosiana. Milano (?) 1969 S. 94